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Impulse


In die Hände klatschen sollen die Ströme!

Ja, die Flüsse und Bäche sollen in die Hände klatschen. Ihr stetiger Fluss sei ein Jubelruf zu unserem Gott. Am Sonntag fordern wir die gesamte Schöpfung auf, in unser Loblied für unseren Schöpfer einzustimmen. Mit den Worten von Psalm 98,8 beten wir: „In die Hände klatschen sollen die Ströme, die Berge sollen jubeln im Chor.“ – und nicht nur die Ströme sollen klatschen, sondern wie der Prophet Jesaja dem Volk Israel verkündet: „Berge und Hügel brechen vor euch in Jubel aus / und alle Bäume auf dem Feld klatschen in die Hände.“ (Jesaja 55,12).

Aber warum werden die Ströme und die Bäume klatschen? Und warum klatschen wir nicht? Im Theater erklingt der Beifall am Ende; er wallt besonders auf, wenn der letzte Vorhang gefallen ist. Doch hier markiert er kein Ende. In Psalm 47,2 werden alle Völker zum Klatschen aufgefordert: „Ihr Völker alle, klatscht in die Hände; jauchzt Gott zu mit lautem Jubel!“ Und warum sollen die Völker klatschen? „Denn König der ganzen Erde ist Gott. […] Gott wurde König über die Völker, Gott hat sich auf seinen heiligen Thron gesetzt“ (Psalm 47,8-9). Lasst uns zusammen mit der gesamten Schöpfung klatschen und uns freuen, denn unser Gott ist der König dieser Welt! Wann haben wir das letzte Mal für Gott geklatscht?

Bei allem, was Menschen tun, hielt ich mich an das Wort deiner Lippen.

An Gottes Lippen hängt man nicht wie an den Lippen so vieler Verführer. Seine Worte hängen einem Gläubigen auch nicht zum Hals heraus, sondern für den eigenen Glaubensweg gelten diese Gebetsworte aus dem Antwortpsalm des Sonntags: „Bei allem, was Menschen tun, hielt ich mich an das Wort deiner Lippen“ (Psalm 17,4) – hier steht nicht einfach „dein Wort“, sondern „das Wort deiner Lippen“.

Kurz zuvor, in Vers 3, bekennt der Beter – und das ist zu beachten: „Ich habe mich besonnen, dass mein Mund sich nicht vergeht.“ Wir selbst sollten in unserem Leben darauf achten, dass unser Denken und Handeln übereinstimmen; dass unsere Lippen das bekennen, was wir glauben! Dann können wir zu Gott sprechen von Lippe zu Lippe, von Geschöpf zu Schöpfer: „vernimm mein Bittgebet von Lippen ohne Falsch“ (Vers 1). Gott Vater im Himmel, lass uns auf unserem Lebensweg gesichert gehen, hängend an den Worten Deiner Lippen!

Der Herr ist gnädig und barmherzig

Keine brachiale Macht, keine ausbeutende Herrschaft, nicht Triumph und Unterdrückung, sondern Mitleid, Zärtlichkeit, Güte, Gnade und Gerechtigkeit prägen das Weltkönigtum Gottes. So bekennen wir im Antwortpsalm am Sonntag voll Vertrauen: „Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld“ (Psalm 145,8); oder in den Worten des Ersten Johannesbrief: „Gott ist Liebe.“
Du, Gott, unser König, der so ganz anders ist als alle weltliche, zu oft fehlgeleitete Macht, sei uns gnädig und barmherzig! Unser Psalm steige hinauf zu Deinem Thron. Und wir wollen von der Herrlichkeit deines Königtums reden, denn Du bist treu in all Deinen Worten, voll Huld in all Deinen Taten. Dein Königtum ist ein Königtum für ewige Zeiten!

... jauchzen dem Fels unsres Heiles!

„Kommt, lasset uns anbeten, kommt, lasset uns anbeten …“ singen wir zu Weihnachten, wenn das Lied „Adeste fideles“ erklingt. Doch dieser Aufruf gilt natürlich im ganzen Jahr. Kommt zusammen, lasset uns anbeten! Oder in den Worten des Antwortpsalms des kommenden Sonntags: „Kommt, lasst uns jubeln dem Herrn, jauchzen dem Fels unsres Heiles!“ (Psalm 95,1).
Dieser Festjubel gehört zu unserem Leben, ja er gehört in unseren Alltag. Wir jubeln zu Gott, unserem Felsen unseres Heils, der uns festen Boden unter den Füßen – selbst in schwierigen Zeit -bietet. Das Bild „Fels unseres Heils“ führt uns in der Heiligen Schrift zum Sinai, dem Berg der Offenbarung, auf den Zion, den Wohnort Gottes, und es führt uns direkt zu Gott: „HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, / mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht“ (Psalm 18,3). Kommt, lassest uns anbeten, kommt lasset uns anbeten den Fels unseres Heils!

Er ist es, der Himmel und Erde erschafft...

Eigentlich müsste unser Gebet am Sonntag in der Formulierung ungewohnt klingen, denn wörtlich übersetzt bekennen wir in Antwortpsalm des kommenden Sonntags Gott als denjenigen, der „schaffend …, bewahrend …, gebend …, befreiend“ u.v.m. ist. Im hebräischen Text beschreibt eine Reihe von Partizipien in Psalm 146,6-9, wer Gott ist. Er handelt nicht nur, sondern sein Handeln ist sein Wesen. Er schafft also nicht nur das Recht für die Unterdrückten, sondern er ist zugleich auch der Schöpfer von Recht und Gerechtigkeit. Er gibt den Hungernden nicht nur einfach Brot, sondern er steht ihnen bei als deren Brotgeber. Er bewahrt uns seine Treue nicht nur bis in Ewigkeit, sondern: „er ist der Bewahrer der Treue bis in Ewigkeit“ (Psalm 146,6c).

Der Beter von Psalm 146 bekennt Gott als den universalen Schöpfergott, der seiner Schöpfung auf ewig die Treue hält (Vers 6) – und entfaltet in den Versen 7-9 die Rechts- und Lebensordnung, die er selbst als guter Herrscher durchsetzt und uns damit ein Vorbild für unser Handeln gibt:

(6) Er ist es, der Himmel und Erde erschafft,
das Meer und alles, was in ihm ist.
Er hält die Treue auf ewig.
(7) Recht schafft er den Unterdrückten,
Brot gibt er den Hungernden,
der HERR befreit die Gefangenen.
(8) Der HERR öffnet die Augen der Blinden,
der HERR richtet auf die Gebeugten,
der HERR liebt die Gerechten.
(9) Der HERR beschützt die Fremden,
er hilft auf den Waisen und Witwen,
doch den Weg der Frevler krümmt er.

...der wohnt in der Höhe...

Immer wieder sieht man Menschen, die wenn sie beten, nicht ihren Kopf senken oder innig ihre Augen geschlossen haben, sondern mit weit geöffnetem Blick ihr Gesicht emporheben. An diesem Sonntag erheben wir mit den Worten von Psalm 113 auch unseren Blick in die Höhen des Himmels und sind uns Gewiss, dass es zum Augenkontakt mit Gott kommt: „Wer ist wie der HERR, unser Gott, der wohnt in der Höhe, der hinabschaut in die Tiefe, auf Himmel und Erde?“, fragen wir mit den Versen 5-6 und wissen die Antwort: Unser ewiger Gott thront im Himmel und sieht doch zugleich unser vergängliches Leben hier auf Erden; er sieht es und ist mit uns.

Gottes Blick aus der Höhe ist immer auch prüfend, bisweilen sogar drohend: „Der HERR blickt vom Himmel herab auf die Menschen, / um zu sehen, ob ein Verständiger da ist, einer, der Gott sucht“ (Psalm 14,2). Doch zugleich ist sein Blick immer voller Anteilnahme und ein Zeichen seiner Hilfsbereitschaft: „Siehe, das Auge des HERRN ruht auf denen, die ihn fürchten, die seine Huld erwarten, dass er ihre Seele dem Tod entreiße und, wenn sie hungern, sie am Leben erhalte“ (Psalm 33,18-19) – das bekennen wir auch mit den Worten von Psalm 113: „Den Geringen richtet er auf aus dem Staub, aus dem Schmutz erhebt er den Armen.“ – wir glauben einen Gott, der fern und zugleich nach ist, der im Himmel thront und doch den hilfsbedürftigen Menschen erhört und aus dem Staub erhöht.

Wasch meine Schuld von mir ab

Gnade, Güte, Barmherzigkeit – diese drei Wirkweisen Gottes führen wir uns vor Augen und Ohren, wenn wir am Sonntag die Worte des Antwortpsalms lesen: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde!“ (Psalm 51,3-4) – es sind die Worte eines Sünders, der Buße tut. Doch die Schuldanerkenntnis ist kein Weg zurück. Die Bitte legt nahe, dass es Gott möglich sei die Sündentaten wie Schmutz einfach wegzuwischen. Doch unsere Taten sind keine äußerlichen Anhängsel, sie kommen aus unserem Innersten und bestimmen es zugleich. Der Beter von Psalm 51 lehrt uns, dass Umkehr eben keine Wiederherstellung eines früheren Zustandes bedeutet. Wir brauchen ein „reines Herz“ und einen „beständigen Geist“ (Vers 13) – nur durch diese Gaben Gottes bestehen wir vor seiner Gerechtigkeit.

Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen

Wie traurig wäre unser Glauben ohne die Hoffnung der Auferstehung? – dann müssten wir zu Gott sagen: „Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!“ Mit diesen Worten aus Psalm 90 sprechen wir am Sonntag im Antwortpsalm zu Gott. Der Beter redet so, als wäre der Staub das letzte Ziel, unsere Bestimmung. Doch das klingt alles andere als traurig! Er bitte Gott: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ (Vers 12). Der Blick ist ganz auf das Hier und Jetzt gerichtet – auf die Freundlichkeit Gottes zu den lebenden Menschen. Im Hier und Jetzt leben wir unsere Beziehung zu Gott und bitten ihn, dass „wir jubeln und uns freuen all unsre Tage“ (Vers 14)! Lasst uns mit dem Beter von Psalm 90 hoffen, dass im Angesicht aller Vergänglichkeit, die wir erleben, doch ‚etwas‘ bleibt. Im Angesicht Gottes Ewigkeit scheint ein Menschenleben vielleicht manchmal kurz und unbedeutend, doch durch jeden gelebten Moment zieht sich die ewige Spur der göttlichen Zuwendung, die – so glauben wir – uns in die ewige Liebe Gottes und das ewige Leben hineinführt.

Ein Vater der Waisen, ein Anwalt der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung

Gott ist Verwandter und Fürsprecher der personae miserae. Er steht an der Seite derer, die in der Gesellschaft alleine sind und Not leiden – das bekennen wir an diesem Sonntag, wenn wir mit den Worten des Antwortpsalms beten: „Ein Vater der Waisen, ein Anwalt der Witwen ist Gott in seiner heiligen Wohnung“ (Psalm 68,6). Diese in der Forschung sogenannten Armentheologie durchzieht die Psalmen und damit auch unser Gebet: Gott steht auf der Seite derer, die unterdrückt sind, die Hilfe brauchen, die seiner und unserer Fürsorge bedürfen.

Sein Fürsorge-Amt für die personae miserae übt Gott „in seiner heiligen Wohnung“ aus. Psalm 68 verrät uns nicht, ob damit seine irdische Wohnung im Tempel oder seine himmlische Wohnung gemeint ist. Doch so oder so gilt, dass die Armenfürsorge ihren Ort im Kult hat, zum Gottesdienst hinzugehört. Die Armen, die Leidenden, die Einsamen haben Gott an ihrer Seite – und wir als Nachfolger Jesu sind auf dem Weg zu Gott.

Lobet den HERRN, alle Völker, rühmt ihn, alle Nationen!

Im kürzesten Psalm wird doch zugleich die ganze Welt aufgerufen Gott zu loben: „Lobet den HERRN, alle Völker, rühmt ihn, alle Nationen!“ (Psalm 117,1) – diese Aufforderung beten wir im Antwortpsalm des kommenden Sonntags. Weder damals am jüdischen Tempel noch heute in den Synagogen oder Kirchen ist die ganze Welt versammelt, wenn diese Worte gesprochen werden. Verklingt der Lobaufruf also sinnlos in den Ohren der Gläubigen? Ist dieses Gebet nur reine Rhetorik? – oder der erhoffte Anfang des weltweiten Gotteslobs, das zuerst in den Mündern der Gläubigen erklingt?

Wenn man der Reihenfolge der Psalmen gemäß alter Tradition fortlaufend folgt, und so ein Psalm nach dem anderen liest, ja betet, dann ist Psalm 117,1 gar eine Gegenstimme, eine reale Antwort in dieser Welt. In Psalm 115,2 wird der Spott der Völker zitiert: „Wo ist denn euer Gott?“ Die Antwort Israels ist deutlich: Spottet nicht, sondern singt Loblieder – denn Gott ist Liebe und Treue. Alle Völker sind aufgerufen Gott zu preisen, denn er hat sich in der Geschichte Israels als treuer und liebender Vater erwiesen.

Paulus, der Apostel des Evangeliums für die Völker, zitiert in seinem Brief an die Römer eben diese Aufforderung an alle Völker: „Und es heißt auch: Lobt den Herrn, alle Heiden, preisen sollen ihn alle Völker!“ (Römer 15,11) Warum? Weil er im Christentum, in dem Miteinander von Judenchristen und Heidenchristen in der entstehenden Kirche seiner Zeit, die Möglichkeit einer heilvollen Zukunft der Gemeinschaft Israels mit den Völkern, ja den Beginn des weltweiten Gotteslobs erhofft, voraussieht.

Das ist für immer der Ort meiner Ruhe

Am 15. August, dem Fest der Entschlafung und Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel erklingt im Antwortpsalm ein Gotteswort, dass uns zusichert, dass göttliche Ruhe in unserer Welt wirklich erfahrbar sein kann. Gott spricht über Zion, dort, wo Gottes Tempel stand: „Das ist für immer der Ort meiner Ruhe, hier will ich wohnen, ich hab ihn begehrt.“ (Psalm 132,14). Ja, der Gott, der selbst am siebten Tag der Schöpfung ruhte, schenkt seinem Volk in seiner Liebe einen realen Raum der Ruhe. Doch wo wird dies heute in unser Zeit Realität? Die zerrissene Stadt Jerusalem ist kein Ruhepol. Bereits im Alten Testament war Jerusalem auch eine Stadt des Unfriedens. Die Stadt wurde belagert und der Tempel zerstört – sogar gleich zwei Mal.
Uns lehrt der Blick auf die daniederliegende Marienstatue in unserer Krypta, dass die endgültige Ruhe nur in Gott zu finden ist – sei es im Hier und Jetzt oder erst im Himmel. Auf dem Kuppelmosaik über Maria wartet ihr Sohn Jesus mit weit geöffneten Armen auf sie, um sie mit Leib und Seele in den Himmel aufzunehmen. Heilige Mutter Gottes, führe uns zu Dir in die Ruhe Gottes! Mit ihr können wir voll Vertrauen in allem Drängen und Ringen beten: „Komm wieder zur Ruhe, meine Seele, denn der HERR hat dir Gutes erwiesen.“ (Psalm 116,7).

Ich hoffte, ja ich hoffte auf den HERRN

Der Gott, der scheinbar schweigt und fern ist, wird doch immer wieder im Leben der Menschen erlebbar. Menschen fühlen sich geborgen, vertrauen auf ihren Gott. Für unseren Vater im Himmel sind Nähe und Ferne keine Widersprüche. Diesen Glauben bekennt der Beter von Psalm 40, aus dem einige Verse für den Antwortpsalm des kommenden Sonntags ausgewählt sind. Der Psalm ist ein Zeugnis vom Handeln Gottes: Ich hoffe - er neigt sich und hört, zieht hinauf, gibt mir halt und ein neues Lied. Im Morast des Alltags finden wir festen Halt in Gott. Er ist unser Fels.

Wir wünschen Euch, dass auch ihr nach Krisen und Nöten im Leben, in die Worte des Beters von Psalm 40,2-4 einstimmen könnt:

Ich hoffte, ja ich hoffte auf den HERRN.
Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien.
Er zog mich herauf aus der Grube des Grauens,
aus Schlamm und Morast.
Er stellte meine Füße auf Fels,
machte fest meine Schritte.
Er gab mir ein neues Lied in den Mund,
einen Lobgesang auf unseren Gott.

Es werde Deine Gnade über uns, Gott

„Es werde Licht“ – mit diesen Worten beginnt Gott die Schöpfung (Genesis 1,3). Am kommenden Sonntag sagen wir im Antwortpsalm ebenso: „Es werde...“, auch wenn in der revidierten Einheitsübersetzung Psalm 33,22 folgendermaßen übersetzt ist: „Lass deine Huld über uns walten, HERR, wie wir auf dich hofften!“ Am Anfang dieses Verses steht dasselbe Wort wie am Anfang der Schöpfung; daher können wir ebenso beten: „Es werde Deine Gnade über uns, Gott…“. Nein, wir können die Gnade Gottes, dieses Lebensprinzip der universalen Gerechtigkeitsordnung, nicht selbst erschaffen – wir bitten darum, dass er es in unserem Leben Wirklichkeit werden lasse. Diese Bitte können wir aussprechen, weil wir gewiss sind, dass Gott Gerechtigkeit und Recht liebt und dass die Erde angefüllt ist mit seiner Gnade (siehe Vers 5). Das ist unsere Hoffnung, das ist unser Glaube.

Wohl den Menschen, die Kraft finden in dir

„Wohl den Menschen, die Kraft finden in dir“, so steht es in Psalm 84,6. So beten wir zu Gott – doch was auf den ersten Blick in der revidierten Einheitsübersetzung gar nicht deutlich wird: Wir sprechen eine Seligpreisung. Das erste Wort dieses Verses ist ebenso das Anfangswort des gesamten Psalters: אַשְׁרֵי. So könnte man Psalm 84,6a auch übersetzen: „Selig, die Menschen, deren Stärke in dir gründet“. In unserer heutigen Sprache wirkt das Wort „selig“ für viele Menschen oft antiquiert; dabei drückt es hier doch genau das aus, wonach wir als Menschen streben: ein glückliches und erfülltes Leben.

Was für eine Verheißung! Glücklich wird, wer für sein Leben Kraft aus seinem Glauben schöpft. Das wünschen wir Euch! Im zweiten Teil von Vers 6 werden diese glücklichen Menschen dann noch mit einem besonderen Bild beschrieben: Sie haben Pilgerwege in ihrem Herzen. Auch das wünschen wir Euch: Wir wünschen Euch die Sehnsucht nach der Weggemeinschaft mit Gott, die auch auf realen und geistlichen Pilgerwegen entweder zum Zion oder aber sicherlich zum himmlischen Jerusalem führen wird.

Denn du hast dein Wort größer gemacht als deinen ganzen Namen.

Auch im Psalmengebet gibt es eine Gebetsrichtung, jedoch nicht „Ad orientem“ oder wie im Islam die Qibla, die vorgeschriebene Gebetsrichtung der Muslime zur Kaaba in Mekka. In Psalm 138 wendet sich der Beter in seinem Gebet nach Jerusalem, Richtung Tempelberg: „Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin“ (Psalm 138,2a). Diese Worte sprechen auch wir am Sonntag im Antwortpsalm und begründen unser Gebet mit schwierig zu verstehenden Worten: „Denn du hast dein Wort größer gemacht als deinen ganzen Namen“ (Vers 2cd). Hat Gott mehr verheißen als er bisher von sich kundgetan hat? Was bedeutet diese Aussage?

Gottes Zuspruch ist noch größer als alle Güte und Treue, die wir mit seinem Namen, mit dem von ihm Geoffenbarten, verbinden. Was für eine frohe Botschaft! Gott ist immer mehr, als wir uns erhoffen können. Doch was bedeutet hier in diesem Psalm „dein Wort“? – ein Heilswort, eine Verheißung? Als Christen denken wir im Gebet direkt an Jesus Christus als „Wort Gottes“, dem wir nachfolgen und der uns auf unserem Weg führt – in ihm erkennen wir die Selbstoffenbarung Gottes.

Im Psalm liegt der deutschen Übersetzung „dein Wort“ ein hebräisches Wort zugrunde, das in Psalm 119 auf das von Gott für Israel geoffenbarte Gesetz, die Torah verweist, in dessen Befolgung der Beter Gott begegnet und Zuspruch findet.

Der makellos lebt und das Rechte tut, der von Herzen die Wahrheit sagt

Ein Leben im Angesicht Gottes, ein Gehen auf den Wegen des Herrn – das wünschen wir uns, danach streben wir. Dass Glauben eben keine passive Haltung der Glückseligkeit ist, sondern ein „Tu-Wort“, daran hat uns am vergangenen Sonntag das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erinnert; und im Antwortpsalm dieses Sonntags sprechen wir uns dieses Wissen selbst zu: „HERR, wer darf Gast sein in deinem Zelt, wer darf weilen auf deinem heiligen Berg?“, wer darf im Licht Deiner Herrlichkeit wandeln? Die Antwort lautet: „Der makellos lebt und das Rechte tut, der von Herzen die Wahrheit sagt“ (Psalm 15,2). Derjenige, der Gott fürchtet, dessen Lebenswandel ist in Tat und Wort integer – wörtlich aus dem Hebräischen übersetzt steht in Vers 2: „Einer, der geht integer: (d.h.) einer, der tut Gerechtigkeit, einer der spricht Wahrheit in/von seinem Herzen.“ Der gute Lebenswandel wird definiert als Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, der Gerechtigkeit verlangt; und dazu gehört, im Herzen – also dem Zentrum des Bewusstseins und des Verstandes - die Wahrheit, die Gott ist, zu denken und zu reden. Die Anforderungen an uns als Gläubige sind hoch – das dürfen wir auch im Wissen um die Liebe Gottes niemals vergessen – möge unser Alltag vom Tun der Gerechtigkeit und Reden (von) der Wahrheit geprägt sein.

Seine Gefangenen verachtet er nicht

Im Rhythmus des Psalmengebets stolpert man öfters – zum Beispiel im Antwortpsalm dieses Sonntags steh dort auf einmal: „Denn der Herr hört auf die Armen, seine Gefangenen verachtet er nicht.“ (Psalm 69,34). Dass Gott auf der Seite der Armen und Unterdrückten steht, ist bekannt – doch wer sind „seine Gefangenen“? So mancher Bibelausleger würde am liebsten den Text ändern: „seine Frommen verachtet er nicht“ – das klingt logischer und könnte durch einen Abschreibfehler im Hebräischen erklärt werden. Doch Psalm 69 sind die Worte eines aufgrund seines Glaubens Verfolgten. Er ist gefangen im Hass derjenigen, die ihn verfolgen, weil er seinem Gott nachfolgt. Er stellt Gott gegenüber fest: „Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht“ (Vers 8). Er klagt: „Zahlreicher als auf meinem Kopf die Haare sind die, die mich grundlos hassen. Mächtig sind, die mich verderben, meine verlogenen Feinde.“ Im Johannes-Evangelium nimmt Jesus diesen Psalmvers auf und sagt: „Ohne Grund haben sie mich gehasst“ (Johannes 15,25). Auch er wurde zu einem Gefangenen der Menschen aufgrund seines Glaubens.

Gott verachtet diejenigen nicht, die aufgrund ihres Glaubens Gefangene sind – sei es in Kerkern oder gesellschaftlicher Isolation. Wer aufgrund seines Glaubens zu Gott unterdrückt wird, kann sich gewiss sein, dass Gott bei ihm oder ihr ist. Sie sind „seine Gefangenen“, die er befreien wird.

Dort wollen wir uns über ihn freuen

„Kommt und seht die Taten Gottes“, sagt uns der Psalmist in den für den Antwortpsalm ausgewählten Versen am kommenden Sonntag. Und er führt uns zurück ans Schilfmeer zum Weg Israels in die Freiheit: „Er verwandelte das Meer in trockenes Land“ (Psalm 66,6) – Gott bahnte damals seinem Volk einen Weg durch die Wassermassen, um es zu retten. Und plötzlich, so als ob wir es vor unseren eigenen Augen sehen könnten, wechselt der Psalmist in die Gegenwart und beschreibt, dass Israel jetzt gerade durch das Wasser zieht: „sie schreiten zu Fuß durch den Strom“. Aus der Vergangenheit ist die Gegenwart geworden – und aus dem weit entfernt liegenden Ort ist der Ort unserer Freude geworden: „dort wollen wir uns über ihn freuen“. Innerhalb eines Verses durchqueren wir Raum und Zeit.

Als Betende stehen wir mitten im Psalm ‚plötzlich‘ in der langen Kontinuität der Heilsgeschichte – das Schilfmeerwunder wird für uns im Gebet ein erfahrbarer Beweis der Macht Gottes im Hier und Jetzt.

Der HERR ist mein Erbteil

Nein, der Gott gibt mir nicht das Erbe – wie es in der alten Einheitsübersetzung noch hieß, sondern: „Der HERR ist mein Erbteil“ (Psalm 16,5). In diesem Bekenntnis, das wir am kommenden Sonntag im Antwortpsalm singen, klingen die Worte Gottes an Aaron, seine Nachkommen – die levitischen Priester - an: „Ich bin dein Besitz und dein Erbteil mitten unter den Israeliten“ (Numeri 18,20). Allen Stämme Israels wurden Gebiete im Verheißenen Land zugeteilt, nur dem Stamm Levis und somit den Priester nicht.

„Der HERR ist mein Erbteil“ – wenn wir so beten, sagen wir damit, dass nicht wir Gott erwählt haben, sondern er uns sozusagen, wie ein Stück des Verheißenen Landes „zugeteilt“ wurde – und zwar von Gott selbst. Er ist unser Verheißenes Land; er ist unser wertvollster Besitz – in den Worten des Heiligen Augustinus: „Der Psalmist sagt nicht: Gott gib mir ein Erbe! Was wirst du mir denn als Erbe geben? Er spricht hingegen: Außer dir ist alles, was du mir geben magst, nichtig. Sei du mein Erbe.“

Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchísedeks

Wir beten an Fronleichnam einen Psalmvers, der etwas unerhörtes aussagt: „Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchísedeks.“ (Psalm 110,4). Diese Worte Gottes sind an einen König gerichtet – im Alten Testament traten zwar israelitische Könige manchmal in liturgischen Funktionen auf, aber niemals waren sie Priester. Es galt eine klare Gewaltenteilung; doch Psalm 110 durchbricht diese Realität und ist im damaligen Geschichtskontext als ein die Zukunft vergegenwärtigendes Gebet der auf einen Heilskönig wartenden Gemeinde zu lesen.
So gibt es für ein solches König-Priestertum im Alten Testament keinen Anknüpfungspunkt in der Geschichte der Davidsdynastie oder der Nachfahren Aarons. Stattdessen ist die Hoffnung in einen Nicht-Israeliten grundgelegt: dem König und Priester von Salem, Meldchisedek. Er, der gemäß Genesis 14 wohl in Salem, dem späteren Jerusalem, als Priesterkönig herrschte und dem „Höchsten Gott“ diente, ist das Bild aus der Vergangenheit, das für die Zukunft erhofft wird. Dieser Priesterkönig segnete Abraham, den Vater vieler Nationen und den Erzvater Israels.

In Genesis 14 wird nur wenig über Melchisedek erzählt, aber aus christlicher Perspektive bemerkens- und an Fronleichnam bedenkenswert ist Vers 18: „Melchisedek, der König von Salem, brachte Brot und Wein heraus. Er war Priester des Höchsten Gottes.“ Er bringt Abraham, der erfolgreich von einem Kampf wiederkehrt Brot und Wein – und direkt anschließend an diese Handlung betont der Text Melchisedeks Priesteramt für den Höchsten und im Endeffekt Einen Gott. Im Neuen Testament wird dann Jesus Christus aufgrund seines Opfers am Kreuz als „Hohepriester nach der Ordnung Mechisedeks“ verkündet (Hebräer 5,10). Jesus Christus verkündete das Reich Gottes, das endgültige göttliche Königreich und er brachte das endgültige Opfer dar – er schenkte sein Leben der Welt. Er gab seinen Leib und sein Blut – und wir sooft wir von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinken, verkünden den Tod des Herrn, bis er kommt (vgl. 1 Korinther 11,26).

HERR, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!

„Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott“, beten wir im Antwortpsalm am kommenden Sonntag, „du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit“ (Psalm 8,6). Jeder Mensch ist ein Stellvertreter Gottes auf Erden. Dem Menschen kommt eine quasi-göttliche und königliche Würde zu – nicht durch Verdienst, sondern allein durch den Willen Gottes. Besonders auffallend ist die Aussage, dass der Mensch mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt ist. Diese Attribute kommen in der Hebräischen Bibel eigentlich nur Gott (siehe Psalm 21,6) oder dem König zu (siehe Psalm 45,4).

Der Mensch ist König von Gottes Gnaden. Er herrscht über die Natur. Die Macht- und damit die Verantwortungsfülle ist allumfassend und beinhaltet nicht nur die eigenen Nutztiere, sondern alle Säugetiere sowie alle Vögel und Meeresbewohner. Das gesamte Ökosystem liegt in seiner Hand. Und es ist auch interessant, was der Psalm nicht sagt: die Herrschaft über andere Menschen wird nicht erwähnt. Dementsprechend schließt der Psalm auch mit der Aussage, dass nur Gott der eigentliche König über die gesamte Erde ist: „HERR, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde!“ (Psalm 8,10)

Gott stieg empor unter Jubel

Jesus Christus stieg empor in den Himmel und sitzt zur Rechten seines Vaters – das feiern wir an diesem Donnerstag, an Christi Himmelfahrt; und im Antwortpsalm rufen wir aus: „Gott stieg empor unter Jubel, der HERR beim Schall der Hörner“ (Psalm 47,6). In Psalm 47 ist es eine offene Frage, wohin Gott, der doch im Himmel wohnt, emporstieg – Vers 6 verrät es uns nicht. JHWH, der gemäß Vers 3 der höchste Gott ist – „Furcht gebietend ist der Herr, der Höchste“ - , hat sich erhoben, um für sein Volk Israel zu streiten, damit die Welt erkennt: „Gott wurde König über die Völker, Gott hat sich auf seinen heiligen Thron gesetzt“ (Vers 9).

Das Buch der Offenbarung, das uns in der in der Osterzeit begleitet, schenkt uns das wunderbare Bild, dass der Thron Gottes, auf dem der Vater und sein Sohn sitzen, ein Lebensquell ist. Der Seher erzählt: „Und er [= der Engel] zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus“ (Offenbarung 22,1). Am Hochfest Christi Himmelfahrt erheben wir unsere Herzen hinauf in den Himmel zu unserem Herrn, zu unserer Lebensquelle und erwarten voller Hoffnung seine Wiederkunft.

Er lasse sein Angesicht über uns leuchten

Der Segen Gottes ist nicht auf den Empfänger begrenzt! Psalm 67, aus dem wir am kommenden Sonntag einige Verse als Antwortpsalm in der Messe beten werden, ist gerahmt von der Bitte um Gottes Segen für uns. Direkt zum Anfang beten wir mit den vertrauten Worten des aaronitischen Segens: „Er lasse sein Angesicht über uns leuchten“ (Psalm 67,2) – doch bei dieser Bitte bleiben wir nicht stehen.

Es geht nicht allein um den Segen. Im Zentrum stehen auch nicht die Gesegneten – sondern die missionarische Bedeutung des Segens und der Sichtbarkeit dieses Segens im Leben der Gesegneten: „damit man auf Erden deinen Weg erkenne“. Unser Vater im Himmel, lasse Dein Angesicht über uns leuchten, damit wir Deine Herrlichkeit in dieser Welt reflektieren und das Leben der Menschheit erhellen. Lass in unserem Leben Deine Liebe für alle Menschen und die gesamte Schöpfung aufstrahlen.

Jeden Tag will ich dich preisen

Was für ein Versprechen! Am kommenden Sonntag beten wir mit den Worten des Antwortpsalms: „Jeden Tag will ich dich preisen“ (Psalm 145,2). Schon die Aufforderung ohne Unterlaß zu beten, überfordert uns vielleicht des Öfteren. Doch durch alle Klage und alles Bitten hindurch, stets – tagaus und tagein – den Lobpreis niemals verklingen zu lassen? Das wird doch unserem komplexen Leben, unseren emotionalen Welten nicht gerecht. Der Lobpreis soll aber auch gar nicht monoton sein. In den Psalmen und in unserem Leben erwächst der Lobpreis doch auch immer wieder durch Tränen, Flehen, Seufzen, Hoffen und so vielem mehr. Die Psalmen lehren uns, dass die Beziehung des Menschen zu Gott immer wieder zum Lobpreis gelangen kann.

Nicht nur jeden Tag unseres Lebens können wir Gott preisen, sondern wir hoffen, dass unser Lobpreis nie verstummen wird. Selbst der Tod wird ihn nicht verklingen lassen: „Jeden Tag will ich dich preisen und deinen Namen loben auf immer und ewig.“

ER hat uns gemacht und nicht wir

Dass Menschen das Eigentum von jemandem sind, ist eine in unserer Zeit zu Recht verpönte Idee – und doch bekennen wir am kommenden Sonntag im Antwortpsalm: „ER hat uns gemacht, wir sind Sein Eigentum“ (Psalm 100,3). Während die Übersetzung ins Deutsche schnell falsch verstanden könnte, als seien die Beter sozusagen ein besitzbares Objekt, geht es im zugrundliegenden hebräischen Text doch um etwas anderes.

In den alten hebräischen Handschriften findet sich am Rand dieses Verses ein kleiner Vermerk, dass die Worte anders zu lesen sind, als sie im Manuskript stehen. Zu lesen sei (und wir übersetzen wörtlich): ER hat uns gemacht, wir sind für Ihn. Unsere Existenz ist ganz ausgerichtet auf den Gott, der uns erschaffen hat, von ihm kommt unser Leben und an ihm ist es daher ausgerichtet. Wir sind nicht einfach sein Eigentum im Sinne eines willenlosen Besitzes, sondern wir gehören ihm; oder vielleicht besser gesagt: wir gehören zu ihm. Ja, ohne ihn sind wir im eigentlichen Sinne gar nicht. Diesen Gedanken führt uns die ursprüngliche Leseweise in den alten hebräischen Manuskripten vor Augen – dort steht nämlich: „ER hat uns gemacht und nicht wir“ – wir haben uns nicht selbst geschaffen, sondern wir verdanken uns der Liebe des Schöpfers unserer Welt.

Herr, du hast meine Seele heraufsteigen lassen aus der Totenwelt

Es ist ein Satz wie aus dem Munde Jesu, den wir am kommenden Sonntag im Antwortpsalm beten: „Herr, du hast meine Seele heraufsteigen lassen aus der Totenwelt …“ (Psalm 30,4). In der österlichen Zeit – und auch sonst – denkt man unweigerlich an die Auferweckung unseres Herrn; ja, vielleicht sogar an seine Himmelfahrt, in der das Hinaufsteigen zur Rechten seines Vaters die Vollendung fand. Doch nicht Jesus spricht am kommenden Sonntag diesen Psalmvers, sondern wir.

Wir stimmen ein in die Worte eines Beters, der sich bereits auf dem Weg zum Tode wusste – er stand bereits mit einem Bein im Grab. Am Anfang des Buches Jesaja wird die Totenwelt personifziert beschrieben: Sie hat ihren Rachen weitaufgerissen und verschlingt alles Leben (Jesaja 5,14) – diesem Rachen ist der Beter von Psalm 30 entkommen – und wir glauben heute, wenn wir mit seinen Worten beten, dass Gott „den Tod für immer verschlungen“ hat (Jesaja 25,8). Unser Glauben an den Tod und die Auferstehung Jesu lässt uns zusammen mit dem Apostel ausrufen: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1 Korinther 15,55). Wir sind zum ewigen Leben gerufen!

Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!

„Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn!“, beten wir am kommenden Sonntag und erinnern uns an die Jubelrufe am Palmsonntag: „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“ Vom feierlichen Einzug in Jerusalem führte der Weg zum leeren Grab – der Jubelruf ist im Angesicht des Todes nicht verklungen, denn Gottes Huld währt ewig (vgl. Psalm 118,1). Nach der Fastenzeit und den Heiligen Tagen ist nun die Zeit Gott mit dem eigenen Leben zu preisen: „Dankt dem HERRN, denn er ist gut“ (Psalm 118,1).

Psalm 118 gehört bis heute zum sogenannten Pessach-Hallel, das im Judentum am Fest des Auszugs aus Ägyptens gesungen wird. Vielleicht hat Jesus mit seinen Jüngern eben diesen Psalm gebetet am Ende des letzten Abendmahls, bevor er sich auf den Weg zum Garten Getsemani machte – der Evangelist Markus erzählt uns: „Nach dem Lobgesang gingen sie zum Ölberg hinaus.“ (Markus 14,26) Indem wir nun am sogenannten Weißen Sonntag ebenso Psalm 118 beten, legt sich ein Rahmen um die Kar- und Ostertage, der uns auffordert mit Jesus Christus zu bekennen: Gottes Huld währt ewig!

Den Becher des Heils will ich erheben.

Lasst uns die Heiligen Tage mit erhobenem Glas, besser gesagt, mit erhobenem Becher beginnen: „Den Becher des Heils will ich erheben. Ausrufen will ich den Namen des Herrn“ (Psalm 116,13), so beten wir im Antwortpsalm am Gründonnerstag. Das Motiv des Bechers, der für die überreichliche Segens- und Lebensfülle in Gottes Gegenwart steht, verkündet uns in Psalm 116, dass Gott das Bitten des Beters erhört und ihn errettet: „denn er hört meine Stimme, mein Flehen um Gnade. […] Gelöst hast du meine Fesseln.“ (Verse 1 und 16).

Auf dem Ölberg bittet Jesus vor seinen Gefangennahmen nicht um den Becher des Heils, sondern sagt: „Vater, wenn du willst, lass diesen Kelch [wörtlich: Becher] an mir vorübergehen. Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe.“ (Lukas 22,43) – gemeint ist hier der Todesbecher, sein bevorstehendes Schicksal: der Kreuzestod. Dies ist nicht der im Alten Testament so oft erwähnte Zornbecher, Becher des Zornweines der als Bild für Untergang und Vernichtung durch das Gericht Gottes steht. Nein, dieser Becher, der nicht an Jesus vorübergeht, ist unsere bittersüße Hoffnung auf ein leeres Grab. Mögen wir Ostern wie die Emmaus-Jünger beim Mahl mit Jesus Christus zusammensitzen, das Brot brechen und den Becher des Heils wieder erheben!

Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf.

Am Palmsonntag möchte man doch eigentlich mit voller Stimme nur jubeln: „Ihr Tore, hebt eure Häupter, hebt euch, ihr uralten Pforten, denn es kommt der König der Herrlichkeit! Wer ist er, dieser König der Herrlichkeit? Der HERR der Heerscharen: Er ist der König der Herrlichkeit.“ (Psalm 24,9-10). Mit diesen Versen auf den Lippen wollen wir den Einzug unseres Königs feiern, doch der Blick ist schon fest auf die Kartage gerichtet. Unser König ist nicht von dieser Welt – seine Stärke zeigt sich in seinem Leid.

So beten wir, nachdem wir in der ersten Lesung die Worte des leidenden Gottesknechtes aus dem Buch Jesaja gehört haben, mit dem ersten Vers des Antwortpsalms: „Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf.“ (Psalm 22,8). Diese Worte sind scheinbar kein Hosianna, kein „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“ (Matthäus 21,9), wie es beim Einzug Jesu nach Jerusalem erklingt.

Doch im Gebet erkennen wir, wie die Evangelisten Psalm 22 zur Deutung des Schicksals Jesu herangezogen haben. „Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand“, beten wir mit Vers 19 und erinnern uns die Worte im Evangelium des Matthäus: „Nachdem sie ihn [= Jesus Christus] gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider, indem sie das Los über sie warfen.“ (Matthäus 27,35). Jesus, unser König, ist der nur scheinbar machtlose. Das Kreuz ist keine Torheit, sondern der Ort, an dem wir lernen, dass aus „Hosianna“ ein Jubelruf wird. Denn eigentlich bedeutet dieser Ruf, der aus zwei hebräischen Wörtern besteht: „Hilf doch!“ (vgl. Psalm 118,25). Aus dem Flehruf ist ein Jubelruf geworden – weil wir in Jesus Christus, dessen Namen „JHWH hilft“ bedeutet, unseren König erkennen, der den Tod besiegt.

Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten

Über Zungen voll Jubel und gesäte Tränen beten wir am kommenden Sonntag im Antwortpsalm: „Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten“ (Psalm 126,5). Dieser Psalm ist ein Rückblick auf die Rückkehr Gottes nach Zion. Aus den Tränen des Exils sind Jubelrufe geworden – doch in die Freude mischen sich auch Bitten; die Rückkehr an den Heiligen Ort bedeutet noch nicht, dass Gott auch zu seiner Gemeinde zurückgekehrt ist; wörtlich heißt es in Vers 4: „Kehre doch JHWH, zu uns zurück wie die Bäche im Südland!“

Der Ackerboden des Lebens bedarf der harten, schweißtreibenden Arbeit. Das Leid, das damit einhergeht, zieht Furchten durch das Gesicht, an denen entlang die Tränen fließen und auf den Boden tropfen. Diese Tränen lassen den Ackerborden zwar nicht aufblühen, aber wenn sie zusammenfallen mit dem fruchtbaren Strom der Liebe Gottes, dann wird die Ernte reichhaltig.

Unser Vater im Himmel wir bitten Dich, dass Du selbst Schmerzenstränen fruchtbar werden lässt. Komm zu uns, trockne die Tränen der Menschen und lasse erblühen das freudenvolle Leben.

... lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben!

Schamröte gehört nicht zu unserem Glauben – unsere Wangen strahlen wonnerot durch den Blick auf Gott: „Die auf ihn blickten, werden strahlen, nie soll ihr Angesicht vor Scham erröten“ (Psalm 34,6). Die Worte des Psalmisten, die wir am kommenden Sonntag hören, lesen und beten, sind diejenigen eines Erretteten, der lobpreisend und von der Hilfe Gottes erzählt. Er verkündet auch uns heil und fordert uns auf: „Preist mit mir die Größe des HERRN, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben!“ (Vers 4).

Den Namen Gottes erheben – wie kann man das denn tun? Ein Blick in den hebräischen Text schafft da auch keine Klarheit; wörtlich übersetzt wird diese Aufforderung noch unverständlicher: „Macht JHWH groß mit mir! Lasst uns gemeinsam seinen Namen erhöhen.“ Gott ist doch groß und hoch erhaben – wozu braucht er da uns? In unserem Glauben können wir Gott als den Großen erkennen und preisen. Wir können durch unseren Lobpreis seinen Ruhm auf Erden unter den Gebeugten mehren. In unserem Leben, das aus Glauben und Erfahrung gespeist wird, können wir zu Orten in dieser Welt werden, an denen Gottes Größe und sein Ruhm erkannt werden können.

Das Leben sei uns ins Gesicht geschrieben! Unsere Freude über Gott sei ein Ort der Gotteserkenntnis. Lasst uns die Größe Gottes verkünden und zu seinem Ruhm auf Erden beitragen!

…noch ein kurzes Wort zum Foto: Dieser wunderschön blühende Baum, der bei uns in Tabgha im Garten steht, wird umgangssprachlich auch Judas-Baum genannt. Es gibt eine alte Legende, die erzählt, dass an eben solch einem Baum sich Judas Iskariot erhängt habe. Daraufhin sei der Baum vor Scham rot angelaufen und trägt bis heute jedes Jahr in der Fastenzeit seine roten Blüten.

Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt.

Krankheit, Vergebung, Heilung – diesen Dreiklang beten wir als Verheißung am kommenden 3. Fastensonntag im Antwortpsalm: „Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt,“ mit diesen Worten preisen wir unseren Gott. Auch in dieser österlichen Bußzeit können wir uns sicher sein, dass – wenn wir aus tiefsten Herzen zu Gott umkehren – unser Vater im Himmel uns unsere Sünden vergibt. Doch inwiefern hängt die Heilung von Krankheit damit zusammen? Ja, es gibt psychosomatische Erklärungen für Gebrechen des Körpers. Doch lässt sich Krankheit theologisch erklären?

Unser Verhalten bestimmt auch unser körperliches Wohlergehen – im wahrsten Sinne des Wortes können uns Schuld und Sünde niederdrücken; sie liegen nicht nur schwer auf unserem Gewissen, sondern auch auf uns als Menschen mit Leib und Seele: „Wenn du auf die Stimme des HERRN, deines Gottes, hörst und tust, was in seinen Augen recht ist, wenn du seinen Geboten gehorchst und auf alle seine Gesetze achtest, werde ich dir keine der Krankheiten schicken, die ich den Ägyptern geschickt habe. Denn ich bin der HERR, dein Arzt“ – dieses Gotteswort übermittelt Mose seinem Volk; und daran glaubt auch der Beter von Psalm 103. In der Zeit des Alten Testaments ist das Heilen noch ein Privileg Gottes; er später in der Zeit des Hellenismus taucht dann beim biblischen Weisheitslehrer Jesus Sirach der Arzt als ein anerkannter Heiler auf: „Ehre einen Arzt wegen seiner nützlichen Dienste mit gebührenden Ehren, / denn auch ihn hat der Herr erschaffen! Denn vom Höchsten stammt die Heilung / und vom König erhält er ein Geschenk. Das Wissen des Arztes erhöht sein Haupt / und bei Großen wird er bewundert. Der Herr hat aus Erde Heilmittel erschaffen, / ein kluger Mann wird sie nicht ablehnen.“ (Jesus Sirach 38,1-4).

Der Herr ist die Zuflucht meines Lebens

Gott ist ein Ort! – das klingt vielleicht absurd; und doch bekennen wir am kommenden Sonntag im Antwortpsalm: „Der Herr ist die Zuflucht meines Lebens“ (Psalm 27,1). Die antiken, griechischen Übersetzer dieses Verses haben den Vers abgewandelt, und aus dem Zufluchtsort den Beschützer gemacht. Ja, Gott beschützt uns; doch am Sonntag bekennen wir noch etwas anderes. Er ist wie eine Schutzwehr oder eine Bergfeste, in die hinein wir uns flüchten können. Er gewährt uns Raum, in dem wir Frieden finden, wenn auch draußen die Welt im Krieg und Chaos versinkt.

„JHWH ist der Hort meines Lebens“, so könnte man diesen Psalmvers auch übersetzen. Er ist der Schutzort meines Lebens; und zugleich – das ist zumindest in der deutschen Sprache die zweite Bedeutung des Wortes „Hort“ – ist Gott der sichere Schatz meines Lebens. So rufen wir Euch zu: „Hoffe auf den Herrn, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den Herrn!“ (Psalm 27,14).

... der ruht im Schatten des Allmächtigen.

Geglaubte Friedenshorizonte, wolkenlose Himmel vermeinte man in Europa sehen zu können, nun verfinstern Todesschatten die Aussichten – doch im Gebet bestärken wir unsere Hoffnung und sagen am kommenden Sonntag mit den Worten des Antwortpsalms: „Wer im Schutz des Höchsten wohnt, der ruht im Schatten des Allmächtigen.“ (Psalm 91,1) – und wir fragen Gott: Wo bist Du?

Ja, wir vertrauen darauf, dass Gott der Menschen Zufluchts- und Schutzort ist: „Du meine Zuflucht und meine Burg, mein Gott, auf den ich vertraue.“ (Vers 2) – und wir bitten: Erleuchte die Todesschatten, und spende den Menschen in der Ukraine die Sicherheit Deines das Leben ermöglichenden Schattens. Wie ein Olivenbaum, der in Deinem Heiligen Land der Sommerhitze widersteht und einen Ruheort in seinem Schatten bietet, sei für alle die den Frieden suchen.

Gut ist es, dem HERRN zu danken.

Es ist gut, unserem Vater im Himmel zu danken – so glauben wir und so sprechen wir es auch im Antwortpsalm am kommenden Sonntag: „Gut ist es, dem HERRN zu danken“ (Psalm 92,2). Aber das bedeutet nicht, dass es auch immer einfach ist. Sich im Alltag immer wieder in der Heilsgeschichte Gottes mit seiner Schöpfung zu verorten, verlangt einen Perspektivwechsel: Nicht nur das Hier und Jetzt sind entscheidend, sondern auch der Anfang und das Ende.

Am Morgen nach einer guten Nacht aus tiefem Schlaf zu erwachen und im Anblick eines Sonnenaufgangs die Schönheit der Schöpfung zu preisen, fällt leicht. Der Morgen ist für viele Menschen das Symbol neuer Kraft und eines guten Anfangs. Doch in schlaflose Nächte, gefüllt mit Sorgen, die einen nicht zur Ruhe kommen lassen, öffnen sich finstere Abgründe. Vielleicht ist es nicht bedeutungslos, dass in Psalm 92,2-3 der Morgen den vielen Nächten gegenübergestellt ist. Der einen lebensspenden, beginnenden, ja aufbrechenden Hoffnung wird die Vielzahl der finsteren Nächte gegenübergestellt. Unser Glauben kann wie ein Sonnenaufgang sein, der die Finsternis durchbricht. Viele solcher lichten Morgen wünschen wir Euch und rufen Euch zu: „Gut ist es, dem HERRN zu danken, deinem Namen, du Höchster, zu singen und zu spielen, am Morgen deine Huld zu verkünden und in den Nächten deine Treue.“ (Psalm 92,2-3)

Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt...

Ein Echo aus der Erzählung des Exodus – dieser großen Befreiungsgeschichte – legt sich am kommenden Sonntag im Gebet in unseren Mund: „Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld.“ (Psalm 103,8) – am Berg Sinai offenbart sich Gott dem Mose mit eben dieser Selbstvorstellung. Aufgrund dieser Worte können wir uns sicher sein: „Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten.“ (Vers 13).

Diese Gewissheit ist wie eine wohlige Wärme – sowohl väterliche als auch mütterliche Liebe sind in Gott vereint und uns geschenkt. Ja, Gott ist im Alten Testament der (Adoptiv-)Vater des Königs, Israel ist sein Erstgeborener und auch wir können uns Kinder Gottes nennen. Doch ER ist mehr! Im Endeffekt ist Gott die ideale, vereinte Liebe von Eltern. Das hebräische Wort, das hier mit ‚erbarmen‘ übersetzt ist, leitet sich von der Wurzel, aus der auch das Wort für den Mutterschoß gebildet wird, ab. So betrachtet sind Barmherzigkeit und Erbarmen die liebevolle mütterliche Zuwendung. Gott, der Vater, wendet sich mütterlich seinen Kindern zu! Halleluja!

... bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.

Psalmenbeter sind Wiederkäuer! In der monastischen Tradition wird das ständige, halblaute Aufsagen von Bibelversen als „ruminatio“ – wörtlich übersetzt „Wiederkäuen“ – bezeichnet. Das Wort Gottes im Mund und auch im Herzen durch den Alltag zu tragen, ist eine biblische Tradition. Nach dem Tod Moses, hält sein Nachfolger Josua die von seinem Vorgänger niedergeschriebenen Gesetze und Gebote in der Hand und sagt zum Volk Israel: „Über dieses Buch der Weisung sollst du immer reden und Tag und Nacht darüber nachsinnen, damit du darauf achtest, genauso zu handeln, wie darin geschrieben steht. Dann wirst du auf deinem Weg Glück und Erfolg haben.“ (Josua 1,8).
Am kommenden Sonntag folgen wir dieser Tradition und beten im Antwortpsalm: Glücklich zu preisen ist, wer „Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt“. Dem Beter von Psalm 1 liegt die Tora, das heißt die Weisung Gottes in Schriftform vor, da er nicht nur, wie es in der revidierten Einheitsübersetzung steht, über sie nachsinnt, sondern sie aufsagt. Dieses Rezitieren von Bibelversen ist weder eine Fleiß- noch eine Gedächtnisübung. Es geht auch nicht primär darum, auf neue Gedanken zu kommen, sondern es geht darum – in einem ersten, grundlegenden Schritt -, den Willen Gottes sozusagen einzuverleiben – und das soll unseren Alltag bestimmen.
Also, welche Verse aus den Psalmen oder auch aus der gesamten Bibel tragt ihr im Mund und auf dem Herzen durch den Alltag? Wir würden uns sehr freuen, wenn Ihr mit uns Eure biblischen Lieblingsverse unten in den Kommentaren teilt.

Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf

Oft kennt man die Erzählungen aus dem Leben Jesu und der biblischen Geschichte des Volkes Israel seit den Kindertagen – es sind vertraute Worte Gottes. Auf unsere Glaubensgeschichten können wir am 4. Sonntag im Jahreskreis zurückblicken, wenn wir beten: „Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf …“ (Psalm 71,17). Welche Worte Gottes, welche Erzählungen über ihn haben unseren Glauben geformt?

Der Beter, dessen Worte wir im Antwortpsalm des kommenden Sonntags sprechen, blickt zurück auf sein Leben, dessen Herzstück der Lobpreis Gottes war. Er erkennt in seinem Schöpfer zugleich seinen Lehrer der Lebenskunst – er weiß, dass zu dieser Beziehung nicht nur das Wort zu Gott, sondern auch das Reden über Gott gehört: „… und bis heute verkünde ich deine Wunder“. Wo und wie haben wir Gott in unserem Leben verkündet?

Jeder und jede von uns haben sehr persönliche Antworten auf diese beiden Fragen: Welche Worte Gottes haben Deinen Glauben geformt? Wo und wie verkündest Du Gott in Deinem Leben? Wir würden uns sehr freuen, wenn Ihr mit uns und allen anderen Eure Antworten auf diese Fragen hier unten in den Kommentaren teilt; und somit Glauben teilt.

Mensch werden

Der Regen der Weihnachtszeit – wörtlich: vom Hochfest der Geburt des Herrn am 25. Dezember bis nun zum Wochenende mit dem Fest der Taufe des Herrn am Sonntag – hat unser byzantinisches Taufbecken in Tabgha gefüllt:
Menschwerdung, Geistfüllung – und wieder und mehr: Mensch werden..

„ER nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an Sein Erbarmen.” (Lk 1,54)

Die liturgischen Texte des Adventes haben insgesamt eine zweifache Ausrichtung: eine auf das bevorstehende Weihnachtsfest, die Geburt des Herrn, Sein „Kommen in Niedrigkeit“ – Menschwerdung – eine zweite auf Sein „Kommen in Herrlichkeit“, Seine Ankunft am Ende der Zeiten, als Richter und Herrscher. Die Bilder, die mit der zweiten Perspektive verbunden sind, sind drastisch und grell.

Aber auch in der Ankündigung des „großen und furchtbaren Tages“ steckt noch Hoffnung: In Gestalt des Propheten Elija etwa, den Gott schickt, damit die Menschen wieder einander zuwenden, so dass das Land nicht dem Untergang geweiht werden muss.

Braucht es mehr? – Gottes Einladung zu Versöhnung und Friede gilt immer. Bis zuletzt. Wer sind wir, dass wir uns anderes anmaßen?

„ER, der die Sterne alle beim Namen ruft.” (Jes 40,26)

Es ist eine schöne, alte biblische Idee, dass Gott alle Sterne beim Namen kennt. – Doch, seien wir ehrlich, auch wenn wir heute wissen, dass es etliche Milliarden Sternen im Kosmos gibt, und unsere Astronomen die Sterne alleine unserer Galaxie bestenfalls noch mit Zahlen- und Buchstabenkombinationen benennen, so sportlich die Fähigkeit auch wäre, alle Sterne beim Namen zu rufen – wenn wir „Gott“ sagen, würden uns schon mehr und größeres vorstellen.

Aber es steckt mehr dahinter: Jeden Tag zünden hunderte Menschen Kerzen vor den beiden Ikonen in der Brotvermehrungskirche in Tabgha an. Und ähnlich tun es Menschen in vielen Kapellen und Kirchen rund um die Erde. Sie verbinden damit oft ein Gebetsanliegen, eine Bitte, einen Dank und – natürlich – einen Namen. Wir wissen umeinander, kennen unsere Sorgen und Nöte, unsere Geschenke und Gaben. Oft sieht unser Mitmensch das vielleicht sogar besser als wir selbst.

So entsteht mit all den Gebetskerzen weltweit ein Netzwerk. Viele leuchtende Lichtpunkte. Viele Sterne. Viele Namen. Und ER, der HERR kennt sie tatsächlich alle. Das glauben wir. Besonders im Zugehen auf das Fest der Geburt des Herrn, wenn Er selbst einen Namen annimmt.

„ER entscheidet für die Armen des Landes.“ (Jes 11,4)

Im zu Ende gehenden Jahr wurde einmal wieder viel diskutiert, wie politisch Kirchen sein dürfen, wann und wie sie sich einmischen dürfen. – Auch wenn, zugegebenermaßen und traurigerweise, Religionen immer noch viel zu oft und zu hemmungslos für politische und ideologische Zwecke verzerrt und missbraucht werden: Die Botschaft der Propheten des Alten Bundes und die Botschaft des Gekreuzigt-Auferstandenen war, ist und bleibt auch politisch.

Und wenn sich an manchen Orten der Reichtum und die Lebensmöglichkeiten in dieser Welt so stapeln wie die Gemüsekartons auf diesem Bild, während andernorts Mangel und Not herrscht, dann sind wir um Jesu Namen und in der Kraft der alten Propheten aufgerufen, hier unsere Stimme zu erheben, und am besten auch, wo immer möglich, Herzen und Hände zu öffnen.

Freiheit des Alltags

Manchmal kommt uns unser Alltag ja doch sehr alltäglich vor. Langweilig, stressig, mühsam.

Und manchmal kommt es dann einfach auch auf den Blickwinkel an. Ich habe großen Respekt, mit welcher Treue unsere Volontäre Woche für Woche, manchmal Tag um Tag die Bettwäsche des Beit Noah bewältigen. Das sind manchmal schon große Berge durchaus stark benutzter Bettwäsche.

Als ich heute an den Wäscheleinen vorbeikam, habe ich auch etwas von der Schönheit dieses Dienstes erahnt: Die aufgehängten Bettlaken leuchteten in der Nachmittagssonne und hingen geradezu majestätisch in Reihen wie die Segel eines großen Segelschiffes.

Die Freiheit und die Weite eines Reisenden auf einem Segelschiff, die wünsche ich unseren Volos und noch mehr unseren besonderen Gästen im Beit Noah! - Und allen, die sich unter Gottes Sonne und mit SEINEM Wind im Rücken auf den Weg machen auf die Meere unseres Alltags...

In Sichtweite

Und da ist es wieder: Eines der vielleicht meist gezeigten Fotos von den gewalttätigen und blutigen Unruhen der letzten Tage.

Die Al-Aqsa-Moschee und den südlichen Bereich des Tempelberges erkennt man ohne weiteres. Sie sind ja auch der Grund der neuerlichen Gewalt von beiden Konfliktseiten.

Wer genauer hinschaut, der wird im Bildhintergrund auch die Dormitio mit ihrer charakteristischen Silhouette ausmachen. Mitten drin. In Sichtweite.

So ist das mit den Konflikten unserer Zeit! Egal ob Jerusalem/Israel/Palästina, Türkei oder Ukraine, Weißes Haus oder Hamburg, Venezuela oder Sudan: Auf bestimmte Weise sind wir immer alle mittendrin.

Wegschauen gilt nicht. – Hinschauen kann auch eine Chance sein!

Alte Fragen und immer wache Kinderaugen

Sehr aufmerksam hat unsere Mitarbeiterin und Fotografin Kathy an Pfingsten diese äthiopische Mutter mit ihren beiden Kindern in der Dormitio-Basilika beobachtet: Sie stehen am „Kölner Altar”, unserer Ganz-Jahres-Krippe mit den „Drei Heiligen Königen” und dem Jesus-Kind im Zentrum der Szene.

Da kommen also zwei Kinder zu einem anderen Kind. Der Altersunterschied beträgt mehr als zweitausend Jahre. Aber die Kinderaugen und die Kinderfragen dürften sich durchaus gleichen. Die Antworten der Erwachsenen und ihre Blicke auf die Welt gleichen sich vermutlich ebenso sehr, damals wie heute.

Die Fragen und Probleme unserer Zeit sind groß. Der Blick in die Nachrichten ist nicht immer ermutigend. – Aber mit den Augen des Gottessohnes dürfen auch wir als Gotteskinder in die Welt schauen, gerade auch auf die Nöte und Krisen. Und wir dürfen sie anpacken, umarmen, segnen – gut machen. – Diese Welt braucht offene Kinderaugen und -hände!

(Foto: © Kathy Saphir)

Weil die Hoffnung stärker und heller ist

Das Atrium in Tabgha ist fast wieder fertig. Es füllt sich langsam wieder mit Leben. Der Klosterladen ist schon seit ein paar Tagen wieder aktiv. Nach der Einweihung (Sonntag, 12. Februar 2017) werden auch Klosterpforte/Pilgerbüro und Diwan wieder ihre Arbeit aufnehmen.

Es waren keine einfachen 20 Monate für uns Mönche und die Schwestern, für unsere Volontäre und Mitarbeiter. Aber auch diese Strecke eines manchmal beschwerlichen Weges haben wir geschafft. Mit der Hilfe und Freundschaft Vieler von außen, durch gegenseitiges Stützen und Tragen, nicht zuletzt durch eine Hoffnung von Innen.

Denn dieser besondere Ort ist uns anvertraut, damit wir eine Botschaft verkünden. Durch unser Beten und Arbeiten. Durch unser Hiersein. Tabgha ist nicht die berühmte Stadt auf dem Berg. Aber es kann doch leuchten. So wie das erneuerte Atrium. So wie jeder von uns, der Christus, dem Licht der Welt, erlaubt, dass Er in ihr/in ihm ein Licht anzündet.

Die Welt und die Menschen brauchen diese Hoffnung, die aus diesem Licht kommt...

Licht und Leben

„Seht, der Herr wird kommen und alle Heiligen mit ihm. Ein großes Licht wird aufstrahlen an jenem Tag” (vgl. Sach 14, 5.7). – Der Eröffnungsvers der Messfeier an diesem Dienstag der 3. Adventswoche scheint nur auf den ersten Blick nicht zu passen: Hell und licht ist es heute im Heiligen Land nicht. Es regnet, es donnert, es ist kalt.

Und doch sind es genau diese Wolken, die über uns ziehen und die sich über uns ausregnen, die wieder mehr Licht und Segen bringen können: Denn diese Regentropfen spülen das Land und reinigen es, tränken und sättigen es wieder, damit neues Leben sprießen und wachsen kann.

Vielleicht geht es auch unserem eigenen Leben manchmal so: Es braucht Tropfen, Tränen, die reinigen und spülen, die zugleich aber auch den Boden für Neues bereiten. In dieser Erwartung wollen wir weiter auf das Fest der Menschwerdung unseres Herrn weitergehen. Denn ER ist unser Licht und Leben.

Neu-Orientierung

Die Tage des Adventes markieren irgendwie den Übergang vom Herbst zum Winter. Das ist im Heiligen Land natürlich etwas anders. Und doch verschiebt sich vieles. Es wird früher, sehr viel früher dunkel. Und die Erwartung auf den heilsamen und heilenden Regen aus dem Himmel wächst.

Nach einem wieder heißen und trockenen Sommer geht der Blick nach vorne, muss nach vorne gehen. Denn ohne die Hoffnung, dass es besser werden kann, fehlt auch uns die Kraft, das Unsrige dazu zu tun. - "Tauet Himmel, den Gerechten", singen wir in diesen Tagen. Richten wir also unseren Blick neu auf den Himmel: Den physischen, dass er uns ganz konkret Regen bringe. Und den geistlichen, von dem wir in Glauben und Vertrauen Heil und Heilung erwarten dürfen.

Netzwerke

Auch Klöster und Mönche kommen im Jahr 2016 kaum noch ohne Vernetzungen aus – falls das je anders war. Bei allen Möglichkeiten zur Vernetzung, die uns die moderne Welt bietet, ist freilich der Durchblick nicht immer einfach und die Gefahr, sich zu verfangen, ist durchaus gegeben.

Ein einzigartiges Netzwerk bieten uns Mönche die uralten Psalmen: Sie helfen uns mehrmals am Tag, uns neu in das Netz mit unseren Brüdern und unseren Mitmenschen und vor allem mit Gott, dem Herrn, neu einzubinden.

"Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm, und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer." (Mk 12,32f)

Den Blick auf den HERRN gerichtet und durch IHN auf unseren Nächsten; das ist die Richtung der Fußwaschung und des Gartens, des Kreuzes und des Leeren Grabes. Gehen wir weiter auf dem Weg nach Ostern!