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Gott mächtig sein lassen

Pater Elias Pfiffi OSB Pater Elias Pfiffi OSB Jesu Auftreten lebt von Anfang an von der Macht seines Wortes. Er lehrt wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.

Immer wieder bereite ich Predigten vor oder Einführungen in den Gottesdienst. Oft aber bezweifle ich, dass sie machtvoll und wirkungsvoll sind. Bergen gelehrte Worte, die großes Wissen zeigen, schon große Macht? Bringen gut und ausgefeilte Worte Menschen zum Staunen oder zum Widerspruch? Helfen und heilen sie Menschen mit einem unreinen Geist?

In der jüdischen Tradition ist der Shabbat der Tag, an dem die Befreiung aus der Knechtschaft lebendig gehalten wird. Es ist der Tag Gottes, denn nur er besitzt die Macht zu führen und zu befreien. Deshalb ist der Shabbat der Tag, an dem auf die eigene Tat und Arbeit verzichtet wird. Es geht darum, an diesem Tag Gott mächtig sein zu lassen. So wird im Verzicht auf seine eigene Macht Jesus im eigentlichen Sinn mächtig.
Gelehrte und eloquente Worte sind sicher wichtig und schön anzuhören. Aber nur Worte, bei denen ich Gott die Macht und die Stimme gebe, können machtvoll sein. Nur Worte, aus denen ich Gott sprechen lassen, bringen Menschen zum Staunen oder unreine Geister zum Widerspruch. Darin zeigt sich das Paradox unseres Glaubens: Nur durch den Verzicht auf unser eigenes Wirken können wir Gottes Macht zur Wirkung bringen.

Pater Elias und alle Brüder in Tabgha und auf dem Zion wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

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Jona: Künder der Barmherzigkeit Gottes

Pater Jonas Trageser OSB Pater Jonas Trageser OSB Obwohl „Jonas“ nicht mein Wunsch für einen Klosternamen war, ist er mir doch Programm geworden, und viele, die mich gut kennen, sagen mir immer wieder: Der Name passt zu dir, du kannst dem Auftrag Gottes nicht entfliehen. Und die kleine Erzählung des Propheten Jona wurde für mich eine besondere Lehr- und Lernerzählung. In der ersten Lesung dieses Sonntags stellt sie vor allem die Barmherzigkeit Gottes in den Mittelpunkt. Jona tut sich schwer, das zu verstehen. Mir gibt die Benedikts-Regel einen weiteren starken geistlichen Akzent: „An Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln“ (RB 4,74).

Jona 3 ist eines der bewegtesten Kapitel der ganzen Bibel: Bewegung, Veränderung, sich umwenden, bereuen, eine neue Richtung einschlagen, neue Wege gehen, sich von Gott bewegen und ermutigen lassen. – Tipps für deinen Neubeginn! Darum geht es für mich auf meinen Weg als Christ und als Mönch. Ein Leben lang. Das Neue Testament nennt das Metanoia. Jesus ruft nicht nur zur Umkehr auf, sondern geht denen, die ihm nachfolgen, auf einem neuen Lebensweg voran. – Die Stadt Ninive lässt sich durch die wenigen Worte des Jona aus ihrem alten Leben herausreißen: „Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört“ (Jona 3,4). Die Menschen erwachen durch diesen Schock. Nur wenige Worten. Keine lange Predigt. Plötzlich fühlen sie sich fähig, sich von ihren alten, bösen Wegen abzuwenden, mit denen sie anderen und sich selbst geschadet haben. Unser Jona-Kapitel zelebriert das „sich wenden“ von Gott und Mensch.

Es ist ein Geschenk Gottes, dass ich mich bewegen kann. Gnade, dass ich nicht für immer verurteilt bin, in dem zu bleiben, in dem ich mich einmal eingerichtet habe. – Sich bewegen, sich verändern (lassen): – Das alles ist Geschenk! Das ist möglich! Das ist das, was Jona uns wie kein zweiter in der Bibel verkündet. Gleich am Eingang meines Zimmers erinnern eine Kachel und eine Ikone mich immer wieder an meinen Namen und die kleine Lehrerzählung: Tägliche Erinnerung, dass Gott sich mir mit allem, was mein Leben ausmacht, in seiner Barmherzigkeit zuwendet und erbarmt.

Pater Jonas und alle Brüder in Tabgha und auf dem Zion wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

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Gewaltspirale

Nun herrscht die Gewalt in diesem Heiligen Land wieder - und das mit einer Brutalität, die einen schockiert und ratlos zurücklässt. Man fragt sich: Wird dieser Konflikt also nie ein Ende nehmen? In diese düstere, leidvolle Atmosphäre wird uns nun am heutigen Sonntag ausgerechnet dieses Evangelium voller Gewalt zugesprochen. Auch hier ist von einer unglaublichen heftigen Gewalt und Brutalität die Rede. Von Mord und Totschlag wird berichtet – zwar in einem Gleichnis. Der Text ist von einer solchen Gewaltspirale geprägt, dass die Frage bleibt: Wer ist am Ende eigentlich noch am Leben?

Zwei Gruppen von Knechten, die der Gutsbesitzer zu seinen Winzern ausgesendet hatte, werden von diesen umgebracht. Schließlich sendet er zu ihnen seinen eigenen Sohn, und auch ihn bringen die Winzer um. Der Mächtige und die Nach-Macht-Strebende stehen gegeneinander. Was kann der Gutbesitzer nun noch tun? Er wird die Winzer mit Gewalt umbringen lassen.

Kurzum, es scheint letztlich nur Verlierer zu geben. Eine düstere Perspektive. Wenn hier aber vom Sohn des Weinbergsbesitzers die Rede ist, dann ist offensichtlich, dass hier Jesus mit diesem Gleichnis auch seine Passion vorwegnimmt. Gott ist der Gutsbesitzer, der immer wieder in seinen Weinberg, also zu seinem Volk die Propheten schickte, die jedoch aufgrund ihrer Botschaft umgebracht wurden. Ihre Botschaft stößt auf taube Ohren. Doch auch der Sohn, Jesus Christus selbst, muss diesen gewaltsamen Tod erleiden… So wie im Gleichnis die Rede davon ist, dass die Winzer den Sohn packen und aus dem Weinberg herausbringen, um ihn dort töten, so ist schließlich auch der Sohn Gottes außerhalb der Stadt Jerusalem umgekommen und ermordet worden.

In dem Gleichnis spricht Jesus die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes an, die hier als Hüter und Beschützer des Weinbergs erwähnt werden. Er macht ihnen damit nicht nur heftige Vorwürfe, sondern kündigt ihnen sogar ungeschminkt an, dass er durch sie getötet wird und, dass sie letztlich selbst von Gott verworfen werden…
Nun, was hat das Ganze mit uns zu tun? Der Konflikt zwischen Jesus und den damaligen Führern des Volkes geht doch erst einmal uns nicht an. Und doch liegt dem Gleichnis eine Erwartungshaltung zugrunde, die an uns herangetragen wird, wenn sich Kirche auch als Weinberg Gottes verstehen will. Was muss ich als Glaubender tun, um Frucht zu bringen? Kann es sein, dass ich das Reich Gottes verlieren kann, wenn ich keine Frucht bringe? Was geschieht dann?

Jesus gibt uns im Gleichnis selbst die Lesebrille mit dem Verweis auf eine Schriftstelle auf den Weg, nämlich Ps 118: Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden. Hier spricht Jesus von sich selbst: Er ist der Stein, der verworfen worden ist, und zum Eckstein wurde. An der Haltung zu ihm, entscheidet sich, ob unser Leben Früchte bringt. Aus der Verbundenheit mit ihm erhält unser Leben seinen Sinn.

Was muss ich also tun, um Frucht zu bringen? Dem entsprechen, was Gott will: Gott, Dein Wille geschehe! Diese Haltung des Dein-Wille-geschehe hebt die Grausamkeit des Gleichnisses, letztlich die Grausamkeit um uns herum, nicht auf. Aber so können wir darauf vertrauen, in Gottes Handeln, in seinen Händen gut aufgehoben zu sein. Amen.

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Pater Simeon und alle Brüder in Jerusalem und Tabgha wünschen allen Menschen im heiligen Land und überall Gottes Frieden!

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Ja- und Nein-Sager

Die geschilderte Situation ist klar. Der Vater bittet beide Söhne, im Weinberg zu arbeiten. Der erste sagt deutlich „Ich will nicht.“, geht aber dann doch an die Arbeit. Der zweite Sohn sagt höflich „Ja, Herr“, tut aber nichts!

Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?

Die Frage ist einfach und die Antwort liegt auf der Hand. Wir Menschen wissen aus unserer Lebenserfahrung heraus, dass es besser ist, mit NEIN zu antworten und doch die Bitte zu erfüllen, als das Gegenteil zu tun: mit JA zu antworten, aber nicht entsprechend zu handeln.

Der erste Sohn, der „Neinsager“, er hat den Willen seines Vaters erfüllt. Da sind wir uns einig mit den Hohenpriestern und mit den Ältesten des Volkes!

Doch Jesus ist - unabhängig von deren Antwort - mit den Hohenpriestern und den Ältesten des Volkes nicht zufrieden - und das ist sehr höflich umschrieben; mir scheint Jesus findet sie schlichtweg widerlich.

Wer von den beiden Söhnen hat den Willen seines Vaters erfüllt?

Worauf will Jesus eigentlich hinaus? Was will er den Leuten sagen, damals, den Führern des Volkes, den Hohenpriestern und den Ältesten und den Menschen am Rande, den Zöllnern und den Dirnen? Und was will er uns heute sagen?

Geht es um das Gesetz? Um die Befolgung der Gebote? Wenn Jesus „nur“ ein Leben nach den Geboten im Blick hätte, dann wären die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes fein raus, denn sie kommen den Anforderungen des Gesetzes sicher mehr nach als es die Zöllner und die Prostituierten tun.

Was ist die erforderliche „Arbeit“, der Wille des Vaters, wenn nicht zuallererst die Ausübung des Gesetzes?

Jesus gibt uns die Antwort; er erzählt ja nicht nur vom Weinberg-Vater und seinen beiden Söhnen, er spricht auch über seinen Vorläufer Johannes. Die Zöllner und die Dirnen haben auf Johannes gehört, sie haben ihm geglaubt. Sie entsprechen dem Sohn, der zunächst sagte: „Ich will nicht.“ aber nachdem sie Johannes begegnet sind, glaubten sie; sie bekehrten sich und wurden gleichsam zu Arbeitern im Weinberg. Sie bekehrten sich!

Den Zöllnern und Dirnen bescheinigt Jesus Glauben! Glauben, der aus einer Bekehrung hervorgeht, einer bewussten Hinkehr zu Gott. Sie sind ihm Freundinnen und Freunde!
Den Hohenpriestern und Ältesten hingegen sagt er: „Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.“ Ja, sie sind Ja-Sager, die aber keine Reue zeigen und nicht glauben! Ja-Sager, die nicht im Weinberg arbeiten wollen. Solche Ja-Sager sind ihm zuwider!

Die wahren Freundinnen und Freunde Jesu, die zurecht so genannt werden, sind jene, die sich immer als Sünder erkennen und ständig danach streben, sich von Gott heiligen zu lassen. Diese Heiligung können wir Menschen nicht aus eigener Kraft erreichen, sie geschieht an uns, indem wir Gott wirken lassen! Die Kirche - wir! - wir können uns nicht als Verein der Reinen selbst genügen. Der Vater hat auch uns alle gerufen in den Weinberg zu gehen! Das ist sein Wille. Den können wir nur erfüllen, wenn wir auch zur Umkehr bereit sind - das lehrt uns das heutige Evangelium ganz klar. Der Arbeit im Weinberg geht die Reue voraus!

Übertragen wir nun das heutige Evangelium auf unsere Kirche, erinnern wir uns einen antreibenden Satz, den uns die Tradition mit auf den Weg gegeben hat: „Ecclesia semper reformanda est“. Die Kirche ist immer im Wandel, weil Gott nicht einfach nur ruht, sondern immer zum Leben ermutigt. So bin ich dankbar für die Synode, die diesen Oktober in Rom stattfindet. Eine wichtige Wegetappe im Synodalen Prozess unserer Kirche. Erwartungsvoll und gespannt hoffe ich auf die Berichte aus Rom. Für unsere Kirche können das sehr entscheidende Wochen werden. Mit den Fürbitten lasst uns in dieser Eucharistie in besonderer Weise dafür beten. Und lasst uns nie vergessen, was entscheidend ist: dass ich bei mir selbst anfange und im Hören auf Gottes Wort und im Glauben an das Wort mein Leben immer wieder neu auf Gott hin ausrichte. Die Kirche muss sich ändern, ja, immer wieder reformieren - ich kann damit bei mir anfangen! Auch wer mal NEIN gesagt hat, kann sehr wohl noch den Willen Gottes leben - darauf kommt es an!

Amen.

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Pater Matthias und alle Brüder in Jerusalem und Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche

…und hier teilen wir nun mit Euch noch unsere heutigen Fürbitten, auf die Pater Matthias in seiner Predigt verweist:

Lasst uns beten für die Kirche am Vorabend einer neuen Etappe des Synodalen Unterwegsseins, dass die Gegenwart der Frohbotschaft in ihr lebendig und wirksam ist, dass sie Lebensräume eröffnet, in denen alle Menschen, die nach Sinn in ihrem Leben suchen, einen Platz finden.

Für die Bischöfe und alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Synodenversammlung lasst uns beten, dass aus ihrem Hören auf den Heiligen Geist zukunftsweisende Vorschläge reifen, dass das ganze Volk Gottes eine Dynamik von Gemeinschaft und Teilhabe am Leben der Kirche erfährt, dass davon ein lebendiges und einladendes Zeugnis für die Erneuerung durch das Evangelium ausgeht.

Für die Theologinnen und Theologen lasst uns beten, dass die Gaben der Weisheit und der Offenbarung ihren Beitrag zur Synodenversammlung begleiten, damit die Gabe des Glaubens im ganzen Volk Gottes lebendig wird.

Lasst uns beten für die jungen Menschen, die auf der Suche nach Wahrheit und authentischem Zeugnis, nach konkretem Handeln und Spiritualität sind, dass sie sich immer stärker in das Leben und die Sendung der Kirche einbezogen fühlen, dass sie in den Herausforderungen der heutigen Welt mit ihrer jugendlichen Begeisterung vielen die Hoffnung geben, die aus der Begegnung mit Jesus erwächst.

Lasst uns beten für alle, die heute, am Tag des Herrn, auf der ganzen Welt versammelt sind, dass ihre Verbundenheit mit Christus durch das Hören auf sein Wort und den Empfang des Leibes und Blutes Christi gestärkt wird, dass sie durch ihn einen neuen Blick auf ihre Nächsten erhalten, dass sie zu Zeugen der Güte und Großherzigkeit Gottes in der Welt werden.

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Eine neue Welt

„Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer“, der nicht so handelt, wie es im menschlichen Alltag üblich ist. Wo Gott am Werk ist, kommt unser Denken und Sprechen an seine Grenzen, da werden die Grenzen unseres Denkens gesprengt. Für die Mitarbeit im Reiche Gottes werden nicht nur Arbeiter gesucht, die vom Morgen bis zum Abend schuften. Nein, es sind auch diejenigen willkommen, die später kommen und nur einen halben Tag oder nur eine Stunde Hand anlegen. Und jetzt kommt der Hammer: Die zuletzt Gekommenen erhalten zuerst ihren Tageslohn, und die Arbeiter, die den ganzen Tag und in der Hitze des Tages geschuftet haben, erhalten die gleiche Entlohnung! – Ist das gerecht?

Aber vielleicht ist es doch zu unserem Glück so, dass Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken sind, wie Jesaja uns in der ersten Lesung dieses Sonntags sagt: „So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über euren Wegen.“

Im heutigen Evangelium prallen zwei Welten aufeinander: unsere menschliche Welt, unsere Gesellschaft mit ihren Rivalitäten, dem Konkurrenzkampf, mit dem Zwang, sich ständig vergleichen zu müssen; und auf der anderen Seite die Welt Gottes, das Reich Gottes, das in Jesus in unsere Welt erschienen ist. Im Reich Gottes gelten andere Gesetze, die in unserer Welt unvorstellbar erscheinen und alles auf den Kopf stellen.

Und In welcher Welt leben wir, die wir die der Botschaft Jesu hören? Sind wir nicht oft wie Wanderer zwischen diesen beiden Welten? Stecken wir nicht immer wieder in diesem Dilemma, sich doch vergleichen zu müssen und zu wollen? Wie oft fragen wir uns: Bin ich so angesehen wie mein Nachbar? Werde ich auch ernstgenommen? Nimmt man auch zur Kenntnis, wie viel ich arbeite und was ich leiste? – Gerade wenn man älter wird, wenn die Kräfte schwinden, die Leistungsfähigkeit abnimmt, ist die Versuchung groß, sich auf die Mobilität der Jüngeren zu blicken und sich selbst zu bedauern.

Jesus will uns aus diesem Hin und Her herausholen. Er will uns in die neue Welt des Gottes Reiches führen. Im Gleichnis vom „gleichen Lohn“ spricht Jesus von dieser neuen Welt, in die sich alle einmütig einbringen. In ihr gilt das Gesetz der Hingabe an die Sache Gottes. In ihr reichen sich alle ohne Neid und Rivalität die Hände, weil alle den gleichen Lohn, die barmherzige Liebe Gottes, des Vaters, erhoffen und empfangen. Dort, wo das Reich Gottes in unsere Welt hineinbricht, breitet sich in unserer oft unruhigen Seele Ruhe und Frieden aus.

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Pater Zacharias und alle Brüder in Tabgha und Jerusalem wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

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Maßstab der Vergebung

Unsere heutige erste Lesung aus dem Alten Testament klingt, als wäre sie von einem christlichen Autor geschrieben, und doch wurde sie etwa zwei Jahrhunderte vor Christi Geburt verfasst. Der jüdische Autor, den die Tradition Jesus Sirach nennt, dessen Name eigentlich aber Shimon ben Yeshua ben Eliezer ben Sira ist, provoziert uns mit genau demselben Maßstab für Vergebung, den auch Jesus uns im Vaterunser lehrt. Mit Jesus Christus zusammen beten wir zu unserem himmlischen Vater: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern". Im Weisheitsbuch von Jesus Sirach lesen wir: „Vergib deinem Nächsten das Unrecht, dann werden dir, wenn du bittest, deine Sünden vergeben!“; und er stellt eine unbequeme Frage: „Ein Wesen aus Fleisch verharrt im Groll. Wer wird seine Sünden vergeben?"

Eine ähnliche Fragestellung finden wir auch im heutigen Evangelium. In dem Gleichnis fragt der Herr den Knecht, dem er gerade erst seine Schulden erlassen hatte: „Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?“ Diese Frage ist wie ein Echo auf die Worte der ersten Lesung: „Mit einem Menschen gleich ihm hat er kein Erbarmen, aber wegen seiner Sünden bittet er um Verzeihung?“ Sowohl Jesus Sirach als auch Jesus Christus widersprechen dem Mainstream, nämlich der weit verbreiteten Auffassung, es sei nur unser gutes Recht, eine Kränkung, eine Verletzung oder ein Unrecht zu verübeln; dass es daher eine Grenze für unser Verzeihen und unsere Versöhnungsbereitschaft gäbe, über die hinaus wir nicht so hohe Ansprüche an uns selbst stellen müssten. Unser Herr Jesus Christus stellt genau diese Grenze in Frage, wenn er sagt: „nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal“, solle man vergeben. Petrus hatte ihn gefragt, ob es reicht, wenn man einem Sünder siebenmal vergibt. Jesu Antwort ist eindeutig: Man solle gar nicht erst auf die Idee kommen, aufzurechnen, wie oft man dem anderen vergeben müsse. Das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht will deutlich machen, warum es diese Grenze nicht geben darf: Umsonst haben wir empfangen, umsonst sollen wir geben. Genauso wie mir vergeben wird, soll ich vergeben. Wenn wir das tun, entdecken wir, was Barmherzigkeit bedeutet.

Und was geschieht, wenn wir nicht verzeihen? Im Gleichnis heißt es: „In seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern.“ Und dann ist da dieser erschütternde Schlusssatz: „Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.“ Wir brauchen nicht nur unermessliche Barmherzigkeit, sondern auch unermessliche Gnade. Nichts anderes als die maßlose Liebe Christi kann uns zu einer solchen Vergebung von Herzen bewegen. Allerdings wird diese aufrüttelnde Aufforderung zur unbegrenzten Vergebung schon mal gerne missverstanden: „Schwamm drüber!“; „Halb so wild!“; „Es tut ja keinem weh!“ sagen wir dann gerne. Doch christliche Vergebung erwächst nicht aus der Gleichgültigkeit gegenüber dem, was falsch ist. Sie entspringt vielmehr der Dankbarkeit und der Liebe: der manchmal fassungslosen Dankbarkeit gegenüber unserem himmlischen Vater, der unserer Gebrochenheit und unserer Schuld mit pochendem Herzen und offenen Armen entgegeneilt; und der geduldigen, scheinbar törichten Liebe gegenüber dem anderen, der uns Unrecht tut. Johannes Klimakos sagt es im im 7. Jahrhundert so: „Wenn du dich aufmachst, um vor den Herrn zu treten, sei dein Gewand gänzlich aus dem Stoff des Nichtnachtragens gewoben, andernfalls wird dir das Gebet nichts nutzen.“
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Pater Josef und alle Brüder in Tabgha und in Jerusalem wünschen Euch einen gesegneten Sonntag!

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Gegen das Graugraugrau

Liebe Schwestern und Brüder, man kann verschiedene, wichtige Impulse und Fragen aus unserem Tagesevangelium mitnehmen:

Zum Beispiel, dass es auch in der Gemeinschaft derer, die Christus nachfolgen, Sünde gibt. Christinnen und Christen sind keine Engel. Sie machen Fehler im Umgang untereinander, im Blick auf sich selbst, in ihrem Verhältnis zu Gott. – Dieser Blick in den eigenen Spiegel ist wichtig, ein erster notwendiger Schritt auf die Wahrheit und zum Heil hin. Jeden Tag.

Ein anderer Input in diesem Zusammenhang: Die Gemeinschaft lässt den, der da in den Spiegel schaut oder der eben nicht in den Spiegel schaut, nicht allein. Ein Grundelement christlicher Berufung und christlichen Lebens: Nicht Wegschauen, schon gar nicht Verurteilen. Hingehen, Dasein, Mitgehen. Beten miteinander und füreinander.

Ein Drittes: Keiner hat allein und für sich die Wahrheit. Das klingt ebenso banal, wie es sich andererseits erschreckend wenig oft im Umgang der Christenkinder untereinander ablesen lässt. Manche, die eigentlich der Wahrheit dienen wollen, scheinen doch in der noch größeren Versuchung zu stehen, ideologischen Konstrukten hinterherzulaufen. – Keiner allein, es braucht die zwei oder drei Zeugen!

Gerade für mich als Mönch, der ich auch die Einsamkeit suche, kann das eine Herausforderung sein. – Oder, positiv formuliert: Es liegt darin eine wirklich tägliche Chance zum Neuanfang. Auch Mönche sind beileibe keine Engel, machen Fehler, verrennen sich oder verstocken sich, werden betriebsblind und abgestumpft. Aber dafür leben wir gerade in Gemeinschaft: um einander zu helfen und zu stützen, um uns gegenseitig aus den verschiedenen Sackgassen des Lebens herauszuholen, nicht alleine zulassen. Jeden Tag neu im Vertrauen auf die Barmherzigkeit des Vaters, im Wagnis der Führung durch den Heiligen Geist und im Namen Jesu, unseres Herrn und Bruders.
Dann bleibt das viel Zitierte „wo zwei oder drei“ nicht bei einer Wohlfühl-Floskel stecken, sondern kann zu einem echten Bauelement gelingenden christlichen Lebens werden für den Einzelnen und für die Gemeinschaft.

Ich möchte noch einen weiteren Blick auf dieses „zwei oder drei“ werfen. Denn ich glaube, dass es gerade für die Kirchengemeinschaft unserer Tage einen weiteren Input enthält: die Wahrscheinlichkeit und Notwendigkeit von Zwischentönen. Es geht nicht um eine gleichgültige Nivellierung oder um eine leichtfertige Relativierung eines Strebens nach Wahrheit. Es geht schlicht um das ehrliche Eingeständnis, dass es in unserem Leben als Menschen nicht nur Schwarz oder Weiß gibt. Das klingt banal. Und es wird sogar gefährlich, wenn man sich damit trösten möchte, sich selbstgenügsam irgendwo im Graugraugrau der Beliebigkeit einzunisten. Schon deshalb ist es wichtig, dass wir uns ehrlich dem Leben in der Gemeinschaft stellen. Allein deswegen sind Prozesse wie der Synodale Weg der Kirche in Deutschland oder die Weltsynode am Vatikan wertvoll – an dieser Stelle erst einmal wertfrei hinsichtlich Erwartungen und Ergebnissen.

Mir wurde das in einem völlig anderen und doch sehr naheliegenden Kontext in den vergangenen Wochen neu bewusst. Wir sind derzeit dabei, mit lokalen bildenden Künstlern, vor allem Israelis aber auch Palästinensern, eine Ausstellung unter der Überschrift „Glauben“ vorzubereiten, die Ende Oktober hier in der Dormitio und an weiteren Stellen auf dem Zionsberg Kunstwerke verschiedener Art zeigen wird. Daher hatte ich inzwischen mehrere Kirchenführungen und -besuche mit diesen Künstlerinnen und Künstlern. Sie wiesen mich immer wieder auf das spannende Farbenspiel unserer Deckenpartien hier in der Basilika hin: Rot und Blau und Gold bzw. Gelb. Die drei Grundfarben, aus denen sich fast alle weiteren Farben mischen lassen. – Wo zwei oder drei… Und dann gibt es all die anderen wunderbaren Stellen im Farbspektrum wie Violett oder Grün oder Orange, in sich nochmals schattiert und nuanciert.

Liebe Schwestern und Brüder, ich verstehe das Tagesevangelium als ein echtes Bauelement gelingenden christlichen Lebens für den Einzelnen und für die Gemeinschaft. Seine Farbspritzer möchte ich Ihnen und Euch in die neue Woche mitgeben! Mischen wir immer wieder etwas von den Dormitio-Gewölben in unser Leben: Vom Rot der Liebe, vom Rot der Hingabe, vom Rot des Feuers des Heiligen Geistes. Vom Blau der Vertrauens Mariens, vom Blau des Wassers der Fußwaschung, vom Blau der Nacht des Brotbrechens. Vom Goldgelb des Ostermorgens, vom Goldgelb der Heilung und Befreiung im Namen Christi, vom Goldgelb der Versöhnung mit Gott, mit uns selbst und untereinander. Amen.

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Pater Basilius und alle Brüder in Jerusalem und in Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

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Unser Name ist Petrus

Es war das erste Mal, dass ein Papst vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf sprach; zum ersten Mal überhaupt, dass ein Papst die Stadt des großen Reformators Johannes Calvin betrat: vor über 50 Jahren, im Jahr 1969. Paul VI. rief dem versammelten Rat der Kirchen im damals noch üblichen Pluralis Majestatis entgegen: „Unser Name ist Petrus!“ Diese Worte, die aus heutiger Sicht von einem vielleicht überzogenen Sendungsbewusstsein des Bischofs von Rom zeugen, war damals, zu Beginn der ökumenischen Bewegung aus römischer Sicht lediglich die Darlegung des Selbstverständnisses Roms gegenüber den anderen christlichen Kirchen. Unmissverständlich und ganz offensichtlich klingt in diesen Worten der Satz aus dem Matthäus-Evangelium an, der im heutigen Evangelium hören ist, und der seit über 500 Jahren das Innere des Petersdoms in Rom in überdimensionalen Lettern schmückt. Jesus Christus selbst hatte ja den Fischer aus dem Dorf Bethsaida beauftragt: „Du bist Petrus, Felsenmann, und auf diesem Felsen will ich meine Kirche bauen.“
Doch diese Beauftragung des Petrus fällt nicht vom Himmel. Ihr geht ein deutliches Bekenntnis desselben, also des Petrus, voraus. Und zwar eines, das auf die Frage an alle Jünger, „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“, sprich, „Was glaubt ihr denn, wer ich bin, ihr, die ihr mir gefolgt seid?“, antwortet. Dem Petrus kommt schon durch seine Antwort, als Sprecher der Jünger, eine Art Führungsrolle zu, mit dem, vielleicht eher zaghaft und suchend als sicher formuliertem Bekenntnis: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“
Doch diese Haltung für andere zu antworten und dann die zukünftige Aufgabe des Petrus das Fundament zu bilden, auf dem die Verkündigung der anderen aufbauen kann, diese Funktion, die ihn vielleicht auch für den Moment vollkommen überfordert, was macht sie mit den anderen Jüngern? Natürlich kann sie zu einer herausfordernden Reibungsfläche werden. Sie könnte sogar für die anderen zu (mindestens) zwei, geradezu verhängnisvollen Haltungen führen: Zum einen könnte es da ein Zurücklehnen geben, das zu Desinteresse, ja zu einer Teilnahmslosigkeit führt, frei nach dem Motto: ‚Dann soll er mal machen, er, der sich mal wieder nach vorne drängt.‘ Auf der anderen Seite, könnte es zu einer Haltung der Eifersucht, des Nach-oben-Schielens kommen: ‚Warum denn eigentlich schon wieder Petrus? Warum denn nicht mal der Andreas, oder der Philippus? Warum eigentlich nicht ich?‘
Doch bevor sich hier jemand zurücklehnt oder sich voll Eifersucht verzehrt, wenn es um die Sache Gottes geht, um die Sache dessen, der ganz barmherzige Liebe ist, der beachtet nicht, dass dieses Wort des Petrus das Bekenntnis aller Jünger nur ein paar Kapitel zuvor in Erinnerung ruft, ja lediglich wiederholt. Angesichts des Seewandels Jesu und der Rettung des Petrus hatten alle Jünger im Boot bekannt: „Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du!“. Durch diese direkte Aufnahme der ‚allgemeinen‘ Jüngermeinung durch Petrus wird noch einmal unterstrichen, dass es nicht so sehr um ein persönliches Bekenntnis des Petrus, sondern vielmehr um ein nochmals neu aufgelegtes Bekenntnis der Jünger durch ihren Sprecher Petrus geht. Dieses Bekenntnis können alle die Jünger mitsprechen, die Jesus Christus gefolgt sind.
Und ein zweites: Zur Beauftragung des Petrus gehört seine gesamte herausfordernde Geschichte: Von der Angst auf dem See über das Bekenntnis bis hin zur Verleugnung. Gerade dieses Versagen des Petrus wird hier in der Nachbarschaft des Zions, in St. Peter in Gallicantu uns besonders anschaulich vor Augen geführt. Am Ende ist das glasklare Bekenntnis hoch im Norden des Landes, weit weg von Jerusalem, in Cäsarea Philippi, tatsächlich in weite Ferne gerückt und fast schon vergessen. Doch Jesus, der Petrus besser kennt, als er sich selbst, sieht in ihm, einen wirklichen Zeugen seiner Botschaft – gerade, weil Petrus sich selbst immer wieder damit auseinandersetzen muss! Petrus, ist der Kleingläubige, doch auch der Mutige, der Bekenner und doch der Verleugner. Spiegelt das nicht auch unser aller Leben wider? Höhen und Tiefen, Zweifel und felsenfestes Vertrauen? Wenn Petrus durch sein eigenes Leben bezeugen kann, wie Gott in Jesus seiner Barmherzigkeit, seiner Liebe und seinem Verzeihen Ausdruck verliehen hat, geht das dann nicht auch uns an? Wir könnten dann auch, vorsichtig, tastend, doch glassklar mitsprechen: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“
Vielleicht hatte Paul VI. also doch recht: „Unser Name ist Petrus.“ In gewisser Weise sind wir alle sind (wie) Petrus und können beten:„Herr erwecke deine Kirche und fange bei mir an. Herr, baue deine Gemeinde und fange bei mir an. Herr, bringe deine Liebe und Wahrheit zu allen Menschen und fange bei mir an.“

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Pater Simeon und alle Brüder in Jerusalem und Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

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Der lernende Jesus

„Der lernende Jesus“ – das ist sozusagen die Überschrift, die für mich über dem heutigen Evangelium steht. Am Ende dieser Erzählung über Jesus, die wir heute hören, sagt der Messias und Gottes Sohn zu einer kananäischen Frau: „Dein Glaube ist groß“ – und er gelangt zu dieser Überzeugung durch Erkenntnis und Lernbereitschaft. Jesus hat von der Frau gelernt, die nicht locker ließ von ihrer Überzeugung, dass nur ER ihrer Tochter helfen kann. Sie konfrontiert Jesus mit der Aussage, dass das Heil, das er den Menschen bringt, ausreichend ist für die Berufenen wie auch für die Gottlosen, die sogenannten Heiden.

Wie lest Ihr, lesen Sie diese unglaubliche Geschichte jener kananäischen Frau? Ja, am Ende gibt es ein Happy-End; faszinierender ist aber die Ausgangssituation: Eine Frau, zudem eine Namenlose, wendet sich in höchster Not, in der Sorge um ihre psychisch kranke Tochter, an Jesus – und wird keineswegs gleich erhört. Vielmehr entwickelt sich ein dramatisches Gespräch, ein Rededuell mit verschiedenen Zeichenhandlungen, in dessen Verlauf erst die Wende zum Guten erkämpft wird.

„Er gab ihre keine Antwort“ – Jesus war wütend … die Bitte dieser Frau scheint Jesus zu ärgern. Warum? Dann demütigt er diese Frau. Warum verhält sich Jesus so? Ist sein Verhalten gerecht? Tut sie nicht, was alle Mütter tun würden für ihr Kind? Sie ist bereit, sich beschimpfen zu lassen, wenn nur ihrem Kind geholfen wird.

Wenn die ganze Geschichte mit all den unterschiedlichen Facetten gehört wird, erschließt sich, wie sehr sie Glauben im Prozess darstellt – ein Glaube, an dem es nur Beteiligte gibt: Jesus, die Frau und die Jünger. Matthäus spricht von einer kanaanäischen Frau, einer auf der anderen Seite der Grenze, einer Heidin, damit ist eine neue Situation eröffnet.

Die Pointe liegt gerade darin, dass Jesus es mit einer nichtjüdischen Frau zu tun bekommt. Jesu Verhalten, ihr erst nicht zu antworten und ihr dann ein abwehrendes, ja beleidigendes Wort entgegenzuhalten, zielt gar nicht gegen sie als Frau, sondern als Heidin. Es geht um die Sendung Jesu: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Im Klartext heißt es: Für Dich bin ich nicht zuständig!
Daran schließt sich der bildhafte Vergleich mit dem Brot, das nicht den Kindern weggenommen werden darf, um es den Hunden zu geben, an. Und wieder erfährt die verfahrene Situation eine erstaunliche Wende durch die Reaktion der Frau. Sie nimmt das rüde Wort auf und führt es so weiter, dass sie bekommt, was sie braucht, „die Brotreste, die vom Tisch fallen“. Ohne die Sendung Jesu zu seinem Volk infrage zu stellen, gelingt es ihr, ihn zu öffnen für die anderen, die Nichtjuden, die Heiden, die ihn und sein Evangelium genauso brauchen.

Die Größe ihres Glaubens, den Jesu anerkennt und auf den hin er ihre Tochter heilt, erweist sich vor allem in diesem Lernprozess, in den sie Jesus und seine Jünger hineinverwickelt. Jesus erfährt an ihr, dass es auch außerhalb Israels Menschen gibt, die ihm unverbrüchlich vertrauen und ihn als den Messias bekennen. „Hab erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids“. Das ist nicht nur ein Hilferuf, es ist ein ganzes Glaubensbekenntnis, das Jesus entgegenschlägt.

Schauen wir nochmal auf Jesus. Er zeigt sich in dieser Perikope als von der Frau und ihrem Glauben Lernender. Er, der Lehrer ist zugleich Lernender, ganz Mensch, zu dem das Lernen gehört – eine unglaubliche, aber wahre Aussage.

Liebe Schwestern und Brüder, Jesus und die kanaanäische Frau bezeugen, dass Glaube immer mit Wachsen und Entwicklung zu tun haben – auf beiden Seiten. Glauben ereignet sich im Leben, insbesondere in Krisen, und entwickelt und verändert sich. Er ist nicht abstrakt, sondern arbeitet sich ab an den alltäglichen Herausforderungen und Leiden. Offenbar ist es manches Mal gut, wenn einem eine Fremde plötzlich vor die Füße fällt. Vielleicht ist es heilsam, wenn Fremde plötzlich vor der eigenen Haustüre auftauchen. Bei allen Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, nicht selten weitet so etwas den Blick, wenn ich mich darauf einlasse und diese Begegnung mir zu Herzen geht.

Mit Menschen, wie der kananäischen Frau, beginnt die Gemeinde Jesu Christi als Gemeinschaft der Glaubenden, in der Herkunft und Geschlecht keine Rolle mehr spielen. In diesen Prozess des Gebens und Nehmens sind wir einbezogen – im spannungsvollen Hören auf das Wort des lernenden Lehrers. Ob wir es zulassen können und uns darauf einlassen?

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Pater Jonas und alle Brüder in Jerusalem und Tabgha wünschen Euch einen gesegnete Sonntag und eine gute Woche!

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Verdunstung und Erfahrung

Was den Jüngern und Petrus in dem Evangelium, das wir heute lesen und hören, widerfährt, geschieht es nicht auch immer wieder in der Geschichte der Kirche? Geschieht es nicht auch in unserem eigenen Leben? - Jesus scheint abwesend zu sein: Er hat seine Jünger allein im Boot auf den See hinausgeschickt, er zieht sich zurück, allein auf den Berg, um zu beten. Und die Jünger sind allein auf dem See, dem Gegenwind und den Wellen ausgeliefert! Ohne ihn geschieht ‚Verdunstung‘ des Glaubens; wenn der Blick nicht auf ihn gerichtet ist, geht das Vertrauen verloren.

Aber Jesus ist da! Mitten in den Wellen auf dem See ist er für die Jünger da. Doch sie sind blind vor Angst! ‚Habt Vertrauen, ich bin es, fürchtet euch nicht!‘, ruft er ihnen und uns zu – und Petrus fasst Mut: ‚Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich über das Wasser zu dir komme!‘ ‚Komm!‘, sagt Jesus. Und Petrus steigt aus dem Boot und geht auf Jesus zu, über das Wasser. Doch der Wind und die Wellen sind noch da, er erschrickt und das Erschrecken reißt ihn in die Tiefe, aus der er ruft: ‚Herr, rette mich!‘

Gehört diese Erfahrung nicht auch zu unserem persönlichen Glauben: ein besonderer Gottesdienst, ein Wort im Sonntagsevangelium, ein Satz aus einer Predigt oder eine Begegnung mit einem überzeugten Christen bewirkt plötzlich eine große Zuversicht in uns, wir werden mutig und singen vielleicht vor Freude: ‚Meine Hoffnung, meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus, meine Zuversicht, auf dich vertraue ich und fürcht mich nicht, auf dich vertraue ich und fürcht mich nicht!‘ – Aber dann kommt der Alltag wieder und mit ihm melden sich die alten Probleme und Widerstände zu Wort und darauf gebannt, rutsche wir wieder in die alten Lebensmuster und wir fallen noch tiefer.

Wäre Petrus im Boot geblieben, wäre ihm die Erfahrung des Untergehens erspart geblieben. Aber er hätte auch eine entscheidende Erfahrung nicht gemacht: Ich muss Jesus im Auge behalten und nicht gebannt auf die Wellen und den Gegenwind schauen. Nur mit Jesus im Blick werde ich die Risiken des Lebens und des Glaubens bestehen.

Wenn ich mich ganz auf Jesus konzentriere, wenn ich ihn im Auf- und Ab- meines Lebens im Blick behalte, kann ich die Erfahrung machen: Jesus, der Auferstandene, vermag mich aus dem Strudel meiner Ängste herauszuholen – Jesus lässt mich nicht fallen!

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Pater Zacharias und alle Brüder in Tabgha und Jerusalem wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

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