Finden Sie was sie suchen...

Studi-Blog


angezeigt: 1 bis 10 von 343

343 Einträge wurden gefunden

Die fordernde Stimme des Täufers

„Der Jordan und der Rhein haben etwas gemeinsam: einen Grabenbruch. Es gibt ein breites Tal, durch das ein Fluß fließt und das von Bergen und Höhenzügen umrahmt wird. Doch der Rheingraben ist viel größer und viel grüner. Der Jordangraben ist kleiner und größtenteils Wüste - nur dort, wo das Wasser des Flusses zur Bewässerung genutzt wird, können Pflanzen gedeihen. Ansonsten herrscht entlang des Jordans Trockenheit und Dürre. Die meiste Zeit des Jahres liegt das Ufer des Flusses unter einer Staubglocke. Es sieht aus wie eine Mondlandschaft. Pilgergruppen wirbeln Staubwolken auf, wenn sie sich in der Hitze zum Ufer quälen. In der Regenzeit jedoch ist es noch schlimmer. Alles wird dreckig und schmierig und der Schlamm klebt an Schuhen und Kleidern. Aber gerade dorthin, an diesen doch so trostlosen Ort, ruft Johannes der Täufer die Menschen. Raus aus den gemütlichen Häusern und den sauberen Straßen, hinunter an die Furt des Jordans, zum Staub oder zum Schlamm, an die Stelle des Übergangs, dort wo man den Fluss Jordan durchqueren kann – dorthin ruft er sie. Der Weg zu Johannes ist beschwerlich – und ihm zuzuhören, ist auch nicht einfach. Er durchschaut die Menschen. Er schaut in unsere Augen, schaut in unsere Seele und fordert uns auf, Raum zu schaffen, Grundlage zu schaffen für einen Wandel, für einen Übergang. Johannes ist eine starke Persönlichkeit. Er kann Menschen begeistern, aber auch wachrütteln. Umkehr und Buße sind seine Mahnung. Er will, daß wir die spirituelle Seite des Lebens in den Vordergrund stellen, nicht die materielle. Kehrt um und zeigt in Eurem Leben Früchte der Umkehr! Das ist seine Botschaft. Einfach, direkt, unverblümt, mit deftigen Worten sagt er: Bereitet dem Herrn den Weg!

Advent ist eine Zeit der Umkehr, der Vorbereitung. Jeder ist etwas geschäftiger als üblich. Dies muss noch besorgt, das noch eingekauft, dies noch dekoriert und das noch eingepackt werden. Was für eine seltsame Litanei! – Und in diese Geschäftigkeit kommt Johannes hinein und ruft uns auf, dass wir uns mit uns selbst beschäftigen sollen – jeder und jede mit seinem eigenen Leben. In den Tagen, wo wir überlegen, was wir anderen schenken können, sollen wir plötzlich unser eigenes Leben in den Blick nehmen. An seiner eigenen Person zu arbeiten, sei besser als die Zweige am Weihnachtsbaum zu richten. Unsere eigenen Schwachpunkte anzupacken und anzugehen, sei besser als Geschenke einzupacken und Gebäck zu backen.

Wie die neugierige Menge damals an den Jordan ging, um Johannes zu schauen, werden auch wir schmutzig und dreckig werden in unserem Mühen, um umzukehren. Aber die fordernde Stimme des Täufers ist klar und deutlich, sie ruft uns herbei und ruft uns zu: Kehrt um! Achtet auf eure Haltungen, eure Taten und Euer Verhalten!“

Wir haben noch gut zwanzig Tage, an denen wir uns Gedanken um Geschenke machen können, aber auch genauso viel Zeit ist uns, für den Blick auf unser eigenes Leben und für die Vorbereitung auf die Geburt des göttlichen Kindes in unserer Seele geschenkt.“

Pater Elias und alle Brüder in Jerusalem und Tabgha wünschen Euch einen gesegneten 2. Adventssonntag!

Über Alle Blogbeiträge von


Bürger zweier Welten

„Das alte Kirchenjahr ist vergangen, ein neues Kirchenjahr beginnt! Es ist der erste Advent! Dieser Zeitenwechsel macht uns auch bewusst, dass das bürgerliche Jahr und das Kirchenjahr sich nicht decken. Diese Ungleichzeitigkeit erinnert uns Christen daran: Wir sind Bürger zweier Welten.

Die erste Lesung dieses Adventsonntages aus dem Buch des Propheten Jesaia lädt uns ein, auf den Horizont des Glaubens zu blicken. Die Tage des Advents laden uns ein, darauf zu schauen, was am Ende aller Tage, hinter den Tagen dieser Weltzeit sein wird. Der Prophet stellt uns ein Bergpanorama vor unseren Augen auf: ‚Der Berg des Hauses des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel‘ – und eine große Völkerwanderung, eine gewaltige Sternwallfahrt beginnt; diese Menschen freuen sich, weil sie zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs pilgern, weil dieser Gott ihnen seine Wege zeigt. Sie rufen: ‚Auf seinen Pfaden wollen wir gehen!‘

Der Prophet Jesaia will uns mitnehmen und durch seine Vision die Hoffnung in uns wecken: Es kommt der Tag, der Tag hinter unseren Tagen: ‚Da zieht man nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg! Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen!‘

Uns wird heute, am 1. Advent, mit den Worten des Propheten Jesaja diese prophetische Schau vor Augen gestellt. Wir sollen uns aufmachen im Glanz der Verheißung des 1. Advents! Es ist Zeit die Schwerter und Lanzen umzuschmieden. ‚Im Licht des Herrn‘ können wir neu entdecken, wir sind Schwestern und Brüder, nicht unsere Verschiedenheit muss verschwinden, wir bleiben Mann und Frau, alt und jung, Eltern und Kinder, Mönche und Ordensfrauen, wir bleiben Kleriker und Laien, aber wir können die Angst voreinander beiseitelegen, weil wir alle Kinder Gottes sind, Kinder des himmlischen Vaters!

In großer Zuversicht dürfen wir uns auf den Weg machen, Boten des Friedens für die Welt zu sein! - Es ist zu wenig, wenn wir uns im Advent auf Weihnachten vorbereiten. Die Botschaft im Advent heißt für uns: Auf lasst uns gehen und leben im Licht des Herrn!“

Pater Zacharias und alle Brüder in Tabgha und auf dem Zion wünschen Euch einen gesegneten 1. Advent!

Über Alle Blogbeiträge von


Ohmächtige Herrschaft?

„‚Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!‘ – diese Worte des sogenannten ‚Guten Schächers‘ gehen zu Herzen. Sie zeigen, jemand hat zutiefst verstanden, was hier, im Augenblick der Kreuzigung Jesu, geschieht. Sie sind ein ‚Last-Minute-Credo‘. Kurz vor dem eigenen Tod bekennt sich der Verbrecher zu Jesus als wahren Herrscher, der ein Reich besitzt, das ganz anders ist - ein Reich, das eben nicht von dieser Welt ist oder auf menschliche Macht aufbaut, die viel zu oft missbraucht wird.

Der Gute Schächer durchbricht mit seiner Glaubens-Einsicht die Reihe von vorangegangenen Verspottungen. Drei verschiedene Personengruppe stehen am Kreuz und verlachen Jesus, der ans Kreuz geschlagen ist. Da sind zum einen ‚führende Männer des Volkes‘, dann die ‚Soldaten‘ und schließlich einer der Verbrecher: Dreimal wird Jesus verlacht, verspottet, verhöhnt; dreimal wird Jesus aufgefordert, dass er sich selbst retten soll, dass er sich selbst aus dieser todbringenden Lage befreien soll. Welches andere Zeichen wäre nämlich geeigneter, um zu zeigen, dass er der Messias, der Retter der Welt, ist? Ein König hat doch Macht sich selbst zu retten! Das, was über dem Kreuz in allen bekannten Weltsprachen geschrieben steht: ‚König der Juden‘, soll das nicht für alle Welt sichtbar gemacht werden am Kreuz?

Der Gute Schächer verspottet Jesus nicht. Er weist den anderen, spottenden Verbrecher zurecht, denn er glaubt, dass Jesus unschuldig ist. Er glaubt, dass Jesus der wahre Gesalbte, der in der Ohnmacht am Kreuz seine wahre Macht zu erkennen gibt, ist. – ‚Denk an mich, wenn du in dein Reich kommst!‘
‚Dein Reich‘ kann nur jemand sagen, der versteht, dass Jesu Leben mit dem sicheren Tod am Kreuz nicht zu Ende ist. Die Rede vom ‚Reich‘ ist Ausdruck des Glaubens an Jesus als den Christus, der von Gott als König des himmlischen Reiches eingesetzt ist.

Jesus ist all das, was man ihm in den vorangegangenen Spott zuruft, aber nicht in der erwarteten Weise: Er ist der König, der von seinem Reich, dem Reich Gottes, spricht. Aber dieses Reich wird regiert von Liebe und Gerechtigkeit, nicht von Machtansprüchen und politischen Forderungen. Er ist der Christus Gottes, der die Heilszeit Gottes sichtbar macht, doch kommt sie unerwartet und unscheinbar: in Heilungen und Wundern, in Worten, die Menschen aufrichten, die ermutigen und herausfordern, in einem Leben, das den Menschen dient. Jesus regiert, indem er den Menschen dient, ihnen neues Leben schenkt und sie in Liebe und Gerechtigkeit zusammenführt. Und Jesus zeigt seine Macht gerade nicht mit einer Durchsetzungskraft, die anderen schadet oder sie entmündigt. Er zeigt seine Macht, indem er sich wehrlos dem Spott, dem Unverständnis und dem Hass aussetzt.

Wenn wir diese ganz andere Königsherrschaft Jesu Christi heute feiern, sind wir zugleich aufgefordert Position zu beziehen und Partei für unseren Herrn und König Jesus Christus zu ergreifen: Sind wir bereit uns auf diese Form einer ‚ohnmächtigen Herrschaft‘ einzulassen? Sind wir bereit uns Christus als demjenigen anzuvertrauen, der seine Macht in der Ohnmacht des Kreuzes zeigt? Und wie gehen wir selbst mit der Macht um, die uns über andere geschenkt ist? Was bekennen wir, wenn wir beten: ‚Dein Reich komme‘?

Zu Beginn der Benediktsregel sind es die starken und herrlichen Waffen des Gehorsams, die es zu ergreifen gilt, um dem wahren König, Christus, zu dienen: Gehorsam gegenüber Gott, gegenüber den Mitmenschen. Und alles beginnt mit dem Hören… . Niemand sagt, dass es leicht ist. Es werden Rückschritte und Niederlagen kommen; es wird ständige Übung und Bekennermut verlangt – im Alltag, im Klein-Klein. Doch am Ende wartet das Paradies. Lasst uns den Glauben des guten Schächers haben, der in der Ohnmacht Jesu am Kreuz die Herrlichkeit des Königtums Christi erkannt hat. Er hat in der letzten Minute seines Lebens eingesehen, dass sich das Reich Gottes im Dienen, in der Unansehnlichkeit, im Kleinsten und nicht im Sensationellen zeigt; und ‚Jesus antwortete ihm: Heute noch, glaube mir, wirst du bei mir sein im Paradies.‘“

Pater Simeon und alle Brüder in Jerusalem und in Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

Über Alle Blogbeiträge von


Segen sein

An diesem Wochenende gibt es viel zu feiern: gestern das Brotvermehrungsfest und heute gleich drei Jubiläen - 40 Jahre Brotvermehrungskirche, 20 Pilgerhaus und 10 Jahre neues Kloster! An diesem Sonntag, diesem besonderen Tag für Tabgha und unsere Gemeinschaft, begleiten uns drei Texte aus der Heiligen Schrift: Gen 12,1-4a; 1 Joh 1,1-4 und Lk 10,38-42. Aus ihnen ergeben sich für Pater Basilius drei Wünsche für Tabgha und für uns alle. Seine Festpredigt teilen wir heute mich:

„Liebe Schwestern und Brüder,
was wir an diesem Wochenende gleich dreifach hier in Tabgha feiern, die Fertigstellung großer Bauprojekte und damit gewisse Neuanfänge und Aufbrüche, liegt für die Dormitio noch vor uns. Aber schon jetzt, prophylaktisch, und hoffentlich nicht zu blauäugig: Eine herzliche Einladung zur Einweihung des neuen Altars nächstes Jahr am 21. März in Jerusalem.

In Tabgha können wir heute auf drei erfolgreiche und wunderbare Bauprojekte zurückblicken: 40. 20. 10. – Die ein-zelnen Geschichten und Wege der drei Einrichtungen reichen natürlich viel weiter zurück: Wir Benediktiner leben, beten und arbeiten hier in Tabgha nicht erst seit 10 Jahren, sondern bereits seit dem Zweiten Weltkrieg. Das heutige Pilgerhaus, das vor 20 Jahren eingeweiht wurde, kann bereits auf eine mehr als 100-jährige Geschichte zurückbli-cken. Und mit unserer Brotvermehrungskirche stehen wir 40 Jahre nach ihrer Weihe auf dem Boden und Felsen von 2000 Jahren christlicher Glaubensgeschichte an diesem Ort.

Tabgha ist also mehr als nackte Zahlen: 40 plus 20 plus 10, das macht 70. Eine heilige Zahl auch in der Bibel. Nicht wirklich zu begreifen und nur schwer in Worte zu fassen. – Dennoch freue ich mich, mit Ihnen einige Gedanken über diesen Ort zu teilen, der den meisten von uns so lieb und wertvoll ist. Und damit möchte ich auch einige Wünsche teilen für Tabgha und für uns alle hier und vielleicht auch darüber hinaus.

Das Evangelium, das wir gerade gehört haben, ist auch auf einem der Bilder an der Tür unserer Kirche zu sehen. Es ist also irgendwie in Tabgha zu Hause. – Auf seine Weise war auch Jesus bei den Schwestern Maria und Martha zu Hause, denn sie werden zusammen mit ihrem Bruder Lazarus ‚Freunde Jesu‘ genannt. Das ist vielleicht ein erster Anhalts-punkt, warum viele unserer Besucher von Tabgha so angezogen und fasziniert sind: Hier kann man Jesus als Freund erleben.

Doch wenn wir uns das Evangelium anschauen, scheinen sich die beiden Schwestern überhaupt nicht einig zu sein. Das ist noch kein Streit oder ein Konflikt. Aber man kann natürlich unterschiedlich auf Jesus reagieren. Das Entschei-dende ist und bleibt im Evangelium genauso wie in unserem Zusammenleben: Der Blick auf und der Bezug zu Jesus. – Denn auch das gehört vielleicht zu den ehrlichen Einsichten eines solchen Jubiläums: In der Geschichte unserer Ein-richtungen und Gemeinschaften hier in Tabgha gab und gibt es auch immer wieder unterschiedliche Sichtweisen, versammelt unter einem Dach wie die beiden Schwestern von Bethanien. Und gerade an einem Tag wie heute fallen den Älteren unter uns sicher Namen von Menschen ein, die wir heute gerne hier hätten. Es sind Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen einen anderen Weg eingeschlagen haben. Es ist nicht der Tag und auch nicht der Ort, dies zu bewerten, wenn überhaupt. Aber ich lade jeden von Ihnen ein, wenn Sie jemanden im Sinn haben, ihn oder sie an diesem Festtag hier in Tabgha bei sich zu haben.

Es gibt auch diejenigen, die auf ihrer großen Pilgerreise schon viel weiter gegangen sind, die hoffentlich schon das Himmlische Jerusalem erreicht haben, und die Tabgha als Ganzes zu Lebzeiten geprägt und unterstützt haben: Wir denken zum Beispiel an Schwester Salve von unseren Benediktinerinnen, an Joe Jashan im Pilgerhaus und an Pater Hieronymus. – Sie und viele andere mögen an diesem Tag mit uns hier an unserem Mosaik stehen.

Mit Jesus aber stehen oder sitzen wir nun im Haus von Maria und Martha. – Wir sehen zwei Frauen, die sehr selbst-bewusst und souverän ihre eigene Beziehung zu Jesus leben und gestalten. Auch das ist mehr als ein Bild für Tabgha. Gerade im Hinblick auf die vergangenen 40 Jahre ist es unumstritten: Ohne das Miteinander von Frauen und Männern, und noch deutlicher: ohne das Engagement, die Energie und die Liebe der Frauen hier, wäre Tabgha nicht mög-lich! Unsere vielen Mitarbeiterinnen in allen Bereichen im Kloster und vor allem im Pilgerhaus; unsere Volontärinnen im Kloster, im Pilgerhaus und vor allem in der Begegnungsstätte Beit Noah; und natürlich unsere Benediktinerinnen von den Philippinen – Tabgha verdankt Ihnen und Euch so viel! Danke, dass Ihr hier immer ihren Glauben lebt! Danke, dass Ihr das Gesicht von Tabgha so wunderbar prägt! Danke, dass Ihr es immer wieder möglich macht, dass unsere verschiedenen Gäste und Besucher Jesus hier am See Genezareth begegnen können!
Mein Wunsch, den ich damit verbinden möchte, ist, dass wir mit Tabgha lernen, immer mehr Input und andere Dinge in unserem Leben zuzulassen: Als Jesus mit den Zwölfen hierherkam, wollten sie Ruhe und Stille, aber sie ließen die 5000 zu. Als dann der kleine Junge mit dem bisschen Brot und Fisch kam, ließen sie auch ihn zu. Wachsendes Vertrauen, gegenseitige Akzeptanz und hoffnungsvolles Wagnis, das wünsche ich mir für uns und für unsere Kirche. Da-mit alle Charismen in unserer Kirche wachsen können. Damit es einmal mehr für viele und für alle reichen kann.

Die Charismen von Maria und Martha sind offensichtlich recht unterschiedlich: Die eine hört dem Freund und Gast einfach zu, die andere arbeitet und kümmert sich. Auch mit dem bekannten Diktum Jesu, dass Maria den guten Teil gewählt hat, wird man die beiden Haltungen nicht gegeneinander ausspielen. Schon gar nicht hier in Tabgha.

Denn Kontemplation und Aktion gehören hier zusammen: der Rückzug an den einsamen und verlassenen Ort, das stille Gebet – und die liebende und barmherzige, aktive, engagierte und kreative Hinwendung zu den Menschen, das ist die Grundspannung unseres Tabgha-Evangeliums. Dazwischen, zwischen Maria und Martha, zwischen Sammlung und Sendung, steht und sitzt Jesus. In Bethanien im Haus der Geschwister, und hier in Tabgha am See. In besonderer Weise gehört es bis heute zu unserem gemeinsamen Auftrag zwischen Brotvermehrungskirche und Pilgerhaus, dass wir genau diese Spannung aushalten und leben, dass wir sie teilen und weitergeben.

Die meisten unserer Gäste und Besucher, für kurze oder lange Zeit, in der Kirche oder am See, im Pilgerhaus oder im Beit Noah, spüren genau das: Tabgha als Ganzes ist wie kaum ein anderer Ort im Heiligen Land ein Jesus-Ort, der bis heute in dieser Spannung steht, aus der heraus ein eigener und heilsamer Blick auf Jesus wachsen kann: IHN anzu-schauen, auf IHN zu hören, mit IHM leben zu lernen, mit IHM dienen zu lernen. – Das ist eine der ganz großen und besonderen Gaben, die uns hier anvertraut sind, dem Deutschen Verein vom Heiligen Lande und unseren beiden benediktinischen Gemeinschaften.

Damit sind wir schon sehr nah am Text der zweiten Lesung aus dem Johannesbrief: ‚Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben vom Wort des Lebens […] – was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch.‘

Tabgha ist ein ausgesprochener Jesus-Ort. Tabgha, wie wir es heute kennen, darf und muss genau das verkünden: Das Leben ist sichtbar geworden! Das Leben ist erschienen! Das Leben wurde offenbart! – Liebe Schwestern und Brüder, Freunde von Tabgha, ob Sie nun hier leben, beten und arbeiten, oder ob Sie auf andere Weise mit diesem Ort verbunden sind, das ist mein nächster Festtagswunsch: Dass wir vom wahren Leben erzählen; dass wir alle mit Gottes Hilfe und Segen Tabgha weiter teilen wie Brot und Fisch, damit es weiter wächst und gedeiht als ein Ort des Lernens und der Begegnung für alle, die die Freundschaft mit Jesus suchen.

Alle, die Jesus suchen! - oder alle, die überhaupt auf dem Weg sind, die suchen, die fragen und sich sehnen, die sich aufmachen aus dem Vertrauten!

Und damit darf ich auch kurz auf den Text der ersten Lesung aus dem Buch Genesis und auf Abram schauen. – Abram vertraute, er glaubte. Er ließ zurück. Er machte sich auf den Weg. Ein Pilger der besonderen Art. Und er tut dies nicht aus Eigennutz, weil er sich selbst finden will. Sondern weil er hört und zuhört. Wie Maria, die sich zu Jesu Füßen setzt. Wie der Johannesbrief, der auf das ‚Wort des Lebens‘ hört. Wie so viele Menschen, die still zwischen Dalmanutha und dem Bambus-Hain hier am Seeufer sitzen – um zuzuhören, um hinzuhören.

Mit der Abraham-Geschichte soll dies nun mein letzter und vielleicht wichtigster Wunsch für uns alle sein, für Tabgha und besonders für alle, die aktuell hier leben, beten und arbeiten: Möge Tabgha, als Ort der sieben Quellen, immer auch ein Quell-Ort des Segens sein. Denn bekanntermaßen heißt segnen auf Lateinisch benedicere, gut von oder über etwas sprechen, jemandem alles Gute wünschen. – Und unsere Welt und unsere Tage brauchen diesen Segen, weil so viel schlecht geredet wird, weil so viel verschwiegen wird, weil so viele abgelehnt und verurteilt werden.

‚Du sollst ein Segen sein‘, wird Abram versprochen, und er macht sich auf den Weg. – Diese vertrauensvolle und stär-kende Haltung wünsche ich uns allen an diesem Festtag, damit die Menschen, die sich auf den Weg machen und hierher kommen, unsere pilgernde Kirche insgesamt, und alle Leidenden und Hungernden, alle Verletzten und Verwundeten, die Sehnsüchtigen und Suchenden, dass sie alle hier in Tabgha gesegnet werden und unseren Herrn und Gott als den Gott der Liebe und Barmherzigkeit erfahren können.“

Über Alle Blogbeiträge von


Begegnung mit der Ewigkeit Gottes

„Das Kirchenjahr geht seinem Ende entgegen. Die Sonntage laden uns ein, unsre Vergänglichkeit, unser Sterben in den Blick zu nehmen und uns der Frage zu stellen: Was kommt nach meinem Tod? – Denn, ob wir das Leben noch vor uns haben, oder ob die letzten Jahre dieses Lebens schon angebrochen sind, Vergänglichkeit und Sterben sind uns immer gegenwärtig. Junge Menschen sterben, Alte hauchen ihr Leben aus. – ‚Herr, lehre uns, unser Ende zu bedenken, dann gewinnen wir ein weises Herz‘ (Psalm 90,12).

Wenn wir das Erste Testament, die alttestamentlichen Schriften, uns anschauen, fällt auf: Dort gibt es keinen jenseitigen Himmel, kein Paradies nach dem Tod. Die Bibel beginnt mit den Worten: ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.‘ Der Himmel ist Teil der Schöpfung, in der Gott den Menschen nahe ist. Immer wieder begegnet uns in diesen Schriften die Zusage Gottes an das auserwählte Volk, er wolle in ihrer Mitte wohnen. Das Leben in dieser Welt ist kein Vorspiel für die Ewigkeit, sondern in dieser Welt ereignet sich bereits die Begegnung mit der Ewigkeit Gottes. Das Leben zwischen Geburt und Tod ist die dem Menschen geschenkte Zeit, Gott zu begegnen, seine Zuwendung zu erfahren, Gottes Plan mit der Welt zu ergründen und auf Gottes Zuwendung einzugehen. Die gläubige Antwort des Menschen auf Gottes Wort prägt sein Leben und heiligt es.

Auf diesem Glaubensfundament stehen die makkabäischen Brüder mit ihrer Mutter. Die Geschichte ihres Martyriums erzählt uns heute die erste Lesung. Sie sind ihren Vätern gefolgt, sie haben die Weisung Gottes in ihrem Leben umgesetzt. So haben sie die Angst vor dem Tod überwunden – und so können sie voll Vertrauen zu ihrem Peiniger sagen: ‚Du, nimmst uns dieses Leben, aber der König der Welt wird uns zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken, weil wir für seine Gesetze gestorben sind‘ (2 Makkabäer 7,9). Nicht die Hoffnung, was nach ihrem Tod auf sie zukommt, nimmt ihnen diese Angst, sondern ihr Glaube. Sie haben in ihrem Leben die Weisungen Gottes befolgt, sie haben schon hier ein anderes, neues Leben geführt, das wird nun durch den Tod endgültig und bleibt auf ewig.

Jesus lebt aus diesem Glauben und erfüllt ihn mit seiner Botschaft: ‚Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben“ (Johannes 11, 25-26). Diesen Glauben verkündet die frühe Kirche, wenn Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom schreibt: ‚Wir wurden mit Christus begraben durch die Taufe auf den Tod, und wie Christus …von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben“ (Römer 6,4). Unsere Taufe ist das Eingangstor zu einem neuen Leben, hier auf dieser Erde zwischen Diesseits und Jenseits. Gottes Leben, seine Ewigkeit ist schon eingebrochen in mein Leben. Mein Leben auf dieser Erde ist das Ackerfeld, auf dem die Früchte für die Ewigkeit wachsen. Jetzt schon heißen wir Kinder Gottes, und wir sind es! Das ewige Leben hat schon in uns begonnen, und wartet auf seine Vollendung! Der Himmel ist schon in mir! Leb ich aus diesem Glauben, prägt dieser Glaube mein Leben? – Das Tagesgebet dieses Sonntags kann uns begleiten auf diesem Weg: ‚Allmächtiger und barmherziger Gott, wir sind dein Eigentum, du hast uns in deine Hand geschrieben. Halte von uns fern, was uns gefährdet, und nimm weg, was uns an Seele und Leib bedrückt, damit wir freien Herzens deinen Willen tun.‘“

Pater Zacharias und alle Brüder in Tabgha und Jerusalem wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

Über Alle Blogbeiträge von


Heute!

„Die Leute sind entsetzt und schimpfen darüber, dass Jesus ausgerechnet bei 'diesem da' einkehrt. Zachäus nimmt einen bei sich auf, der zu ihm, zu seiner Vergangenheit und zu seinem Jetzt steht. Und irgendwann in dieser Begegnung muss Zachäus gespürt haben, dass hier mehr stattfindet als nur ein Gastbesuch, dass das Jetzt entscheidend ist: ‚Heute muss ich in deinem Haus bleiben. … Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden‘, sagt Jesus zu ihm.

Wir kennen aus verschiedenen biblischen Kontexten dieses Heute. Der vielleicht bedeutendste Text ist der Bericht von der Geburt Jesu in Betlehem: ‚Heute ist euch der Retter geboren, Christus, der Herr.‘ Und später erklärt Jesus in Kafarnaum: ‚Heute ist dieses Schriftwort in euren Ohren erfüllt.‘ Am Kreuz spricht Jesus dem reumütigen Verbrecher am Kreuz zu: ‚Heute wirst du mit mir im Paradies sein.‘ Dieses kleine Wort ‚heute‘ hat für uns Christen eine grundlegende Heilsbedeutung. Die frohe Botschaft gilt jetzt, hier und heute.

Schauen wir auf Zachäus. Nicht aus Zufall erinnert sich die Tradition daran, dass Zachäus kleinwüchsig war. Denn die Körpergröße stand in auffälligem Kontrast zu seinem Gehabe und Lebensstil als oberster Zöllner. Lange Zeit zumindest war Zachäus der korrupte, karriereversessene Zollpächter und Steuereintreiber gewesen. Aber tief in ihm drin muss damals schon etwas Größeres gewesen sein, sonst wäre er zuhause geblieben. Es war sicher nicht nur reine Neugierde, die ihn trieb. Die innere Sehnsucht nach Verwandlung hat ihn auf die Straße und schließlich in den Maulbeerfeigenbaum getrieben.

Der gute Mensch im Zollpächter Zachäus war nicht ganz verschüttet. Die Erinnerung daran, dass er als Kind des Volkes Gottes zu mehr berufen ist, als Reichtum und Einfluss zu scheffeln und sich ein Leben in Luxus zu organisieren - diese Erinnerung muss noch da gewesen sein. Und so war es der entscheidende Schritt seines Lebens, auf einen Baum zu klettern und Ausschau zu halten nach diesem Jesus, von dem alle Leute sprachen und den viele sehen wollten.

Der Glaube beginnt nicht damit, dass der Gläubige ein besserer Mensch wäre als andere. Er beginnt damit, dass ein Mensch aus der Enge eines oberflächlichen Lebenskonzeptes aufsteigt, hinaufklettert, um Ausschau zu halten. Dann aber kann es ganz schnell gehen, wie bei Zachäus. Dort, auf dem Baum erreicht ihn der drängende Wunsch Jesu, bei ihm Gast zu sein. ‚Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.‘ Komm schnell, denn nicht morgen oder übermorgen, sondern heute muss ich bei Dir zu Gast sein. Komm herunter und bleib nicht auf deinem Aussichtspunkt sitzen. Dass einer bei ihm zu Gast sein will, ja ‚muss‘, berührt ihn unmittelbar. Und Zachäus spürt den Klang des Wortes ‚heute‘. Da ist eine unaufschiebbare Chance.

Heute baut Jesus für Zachäus eine Brücke. Ihm erscheint Jesus als ‚der Herr‘. Die Unaussprechlichkeit des Gottesnamens wird zur Anrede Jesu: ‚Herr, die Hälfte meines Vermögens will ich den Armen geben, und wenn ich von jemand zu viel gefordert habe, gebe ich ihm das Vierfache zurück‘ – ein großes Versprechen gegenüber unserem Herrn.

Das Ereignis ist eine zufällige Begegnung in Jericho. Jesus selbst aber macht deutlich, dass es um mehr geht, ‚denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist‘. In der Gestalt eines Menschen ist Gott selbst bei Zachäus zu Gast. Die Begebenheit wird damit zum Urbild des Glaubens: dass Gott bei uns zu Gast sein will. Der ‚Freund des Lebens‘ ist Gott selbst. Dadurch, dass er bei uns zu Gast ist, wird aus dem Mitmenschen die Schwester und der Bruder. Dadurch, dass er unter uns ist, sind wir in aller Verschiedenheit doch eins. Dadurch, dass er an diesem Sonntag bei uns zu Gast ist mit seinem Leib und Blut, will er uns auf den Weg des Zachäus bringen: dass aus der Suche und Frage ein Weg wird, der uns befähigt, einander Mitmenschen zu sein. ‚Heute‘, sagt Jesus, ‚ist diesem Haus das Heil geschenkt worden, weil auch dieser Mann ein Sohn Abrahams ist‘. Dieses Heute kann auch für uns hier und jetzt sein. Amen.“

Pater Jonas und alle Brüder in Tabgha und Jerusalem wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

Über Alle Blogbeiträge von


Beten lernen: "Jesus, erbarme Dich meiner."

„Pharisäer und Zöllner - weder mit dem einen noch mit dem anderen will ich mich identifizieren. Zur Zeit Jesu stehen die Pharisäer in keinem guten Ruf und um die Zöllner ist es nicht besser bestellt. Auf je ihre Weise haben sie ihre Macht missbraucht und den Mitmenschen geistlich oder finanziell geschadet. Kurzum: Beide Gruppen gehören zu den sehr unangenehmen Zeitgenossen! Daher ist es interessant und auch provokativ, dass Jesus im Schauen auf beide den Zöllner als Vorbild herausstellt. Das Gleichnis, das Jesus erzählt, sieht nicht in erster Linie auf das alltägliche Tun und Lassen, sondern hat eine ganz besondere Situation im Blick: das Gebet! Das Gebet ist ein ganz entscheidender, ja wesentlicher Akt jedes Gläubigen Menschen. Ohne das Gebet geht Glaube nicht!

Immer wieder begegnen wir im Lukasevangelium Jesus als Beter. Wenn er Wunder wirkt oder das Volk lehrt, betet er zuvor. Das Gebet gibt ihm offensichtlich die Kraft für sein Wirken. Jesus verbringt ganze Nächte im Gebet, auch vor seinem Leiden und schließlich betet er im Todeskampf am Kreuz. Jesus ist ein Beter!

Daher verwundert es nicht, dass seine Jünger ihn bitten: ‘Herr, lehre uns beten!‘. Ja, Beten will gelernt sein. Jesus lehrt Beten in ganz unterschiedlichen Formen und Weisen. Er nimmt seine Freunde - und durch die Evangelien auch uns - mit in die doppelte Schule des Gebets. Er lehrt was und wie wir beten sollen. Von ihm haben wir das Vater Unser; er hat es uns vorgebetet! Ich lese auch das heutige Evangelium als Lehrstunde in der Gebetsschule Jesu. Der Pharisäer und der Zöllner gingen zum Tempel hinauf, um zu beten. Beide beten. Doch nur einer macht es ‚richtig‘: der Zöllner! Er ging gerechtfertigt nach Hause zurück, der andere nicht.

Der Pharisäer spricht ein sehr ausführliches ‚Gebet‘, viele seiner Verdienste zählt er auf, vieles, worauf er sehr stolz ist. Er lobt sich selbst und schaut verächtlich auf die Sünder herab, auch auf den Zöllner. Doch diese lange Rede des Eigenlobs und der Überheblichkeit kommt offensichtlich bei Gott nicht gut an. Der Zöllner hingegen spricht nur ganz wenige Worte. Er erniedrigt sich vor Gott in ehrlicher Weise und bittet ganz schlicht und kurz um Erbarmen: ‚Gott, sei mir Sünder gnädig!‘ Das ist Gebet. Das ist Menschenwort, das aus dem zerknirschten Herzen kommt und direkt in Gottes Ohr dringt, Gottes gnädiges Herz anrührt und Erhörung findet.

Es gibt natürlich ganz viele andere Formen: Bittgebete, Dankgebete, Stoßgebete, Lobgebete; in Gemeinschaft oder alleine; große Liturgien, ganz festlich gestaltet und die schlichte Andacht, natürlich auch die Tagzeitenliturgie und vieles mehr. Im Angesicht des heutigen Evangeliums muss ich jedoch vor allem an das Ruhegebet (Hesychasmus) denken. Nicht nur uns Mönche fasziniert die Schlichtheit und Tiefe des Ruhegebetes. Viele Beterinnen und Beter auch außerhalb der Klöster praktizieren das Herzensgebet, das nur den Namen Jesu kennt und die Bitte um Gottes Gnade: ‚Jesus - erbarme Dich meiner.‘

In äußerer Stille innere Ruhe in Gott zu finden, das ist ein Geschenk, eine Erfahrung der Liebe und Barmherzigkeit Gottes mitten im Alltag hier auf Erden. Mir scheint der Zöllner hat genau das erfahren. Er ging gerechtfertigt nach Hause zurück. Das Evangelium lädt uns dazu ein, diese Erfahrung auch zu machen, indem wir es dem Zöllner gleichtun, vor Gott hintreten und ganz still mit nur wenigen Worten um Erbarmen bitten: ‚Jesus - erbarme Dich meiner.‘“

Pater Matthias und alle Brüder in Jerusalem und Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

Über Alle Blogbeiträge von


Gegen Müdigkeit

„Viel ist in diesen Tagen von ‚Kriegsmüdigkeit‘ die Rede. Aber sollten wir nicht allzeit müde des Krieges, des Mordens, des Raubens, des Hungers, des Chaos? ‚Kriegsmüde hat man immer zu sein, das heißt, nicht nachdem, sondern ehe man den Krieg begonnen hat‘, schrieb schon der österreichische Schriftsteller Karl Kraus zurückblickend auf den Ersten Weltkrieg. Doch wenn heute im Angesicht des Krieges in der Ukraine von der ‚Kriegsmüdigkeit“ gesprochen wird, geht es nicht darum, dass die kriegsführenden Parteien des Kriegs überdrüssig sind, je länger er dauert. Es geht um das zunehmende Desinteresse an diesem Krieg außerhalb der Ukraine und Russland. Es besteht die Gefahr, dass wir, die wir nicht auf dem Schlachtfeld stehen und nicht im Kriegsgebiet leben, ermüden, uns nicht weiter mit dem Krieg beschäftigen und uns nicht mit allen Mitteln gegen das Unrecht einsetzen…

Auch in der heutigen ersten Lesung werden wir mit einem Krieg konfrontiert. Den Männern des Josua, dem Volk Israel, steht das Volk der Amalekiter gegenüber. Und auch hier, auf diesem Schlachtfeld, ist nirgends von Kriegsmüdigkeit die Rede. Im Gegenteil. Der Krieg geht scheinbar endlos seinen Gang: ‚Josua tat, was ihm Mose aufgetragen hatte, und kämpfte gegen Amalek‘. Doch Mose wird müde. Er steht mit erhobenen Armen, den Gottesstab in der Hand, auf dem Gipfel eines Hügels und unterstützt so die Israeliten im Kampf gegen den Feind; denn solange er ‚seine Hand erhoben hielt, war Israel stärker; sooft er aber die Hand sinken ließ, war Amalek stärker‘. Es ist doch nur zu verständlich, wenn er während des lang andauernden Kampfes die Hände sinken lässt, weil sie ihm schwer werden. Aber es wird Abhilfe geschaffen: Aaron und Hur ‚stützen seine Arme, der eine rechts, der andere links, sodass seine Hände erhoben blieben, bis das die Sonne unterging‘. Hätte Mose seine Hände nicht den ganzen Tag lang hochgehalten, hätten Josua und das Volk Israel nicht siegen können.

Im Zentrum dieser Erzählung steht nicht das Vertrauen auf die Stärke der eigenen Kämpfer, es zählt nicht die Hand am Schwert, sondern entscheidend ist Moses erhobene Hand, die Gottesstab in die Höhe hält. Entscheidend ist das Vertrauen des Moses auf die Zusage Gottes, dass Gott auf der Seite Israels steht. In dieser Hinsicht wird dieser Krieg zu einer Glaubensgeschichte: Mose und seine Begleiter werden nicht müde an die rettende Hilfe Gottes zu glauben. Dieser wache Glaube steht konträr zur körperlichen Müdigkeit. Es gilt sich unermüdlich auf Gott zu berufen, mit Ausdauer und Beständigkeit.

Und ganz und gar nicht müde im Bitten und Nachfragen, ja an Aufdringlichkeit nicht zu überbieten ist auch die Witwe im heutigen Evangelium. Nicht in geringster Weise lässt sie sich abbringen von der unverschämten Ignoranz des ungerechten Richters. Sie fordert ohne Unterlaß: ‚Verschaff mir Recht gegen meinen Widersacher!‘ Es wird nicht gesagt, um was genau die Witwe bittet oder auf welche Weise der Richter ihr dann doch letzten Endes Recht verschafft. Das tut hier auch nichts zur Sache. Nein, das Wesentliche dieser Gleichniserzählung ist die Art und Weise, wie die Frau mit der Situation umgeht: Obgleich sie sich schon lange Zeit mit der Ungerechtigkeit des Richters konfrontiert sieht, hält sie am Einfordern des Rechtes fest. Für sie ist klar, dass es Aufgabe des Richters ist, ihr zum Recht zu verhelfen. Der Ungerechtigkeit muss Einhalt geboten werden. Und der Richter mit seinem mangelnden Respekt gegenüber Gott und den Menschen setzt am Ende die Witwe tatsächlich ins Recht – und das allein aufgrund ihrer Unermüdlichkeit! Wenn schon ein ungerechter Richter so reagiert und sich – im Letzen – nicht abbringen lässt von der Beharrlichkeit einer Bitte, um wie viel mehr dann Gott: Er, der ja gerecht ist! Er will sich vom Menschen bitten, ja bedrängen lassen! Diese Hoffnung lehrt uns Jesus mit diesem Gleichnis.

Es geht also um das Festhalten am Gebet; es geht um Ausdauer. Wer immer wieder und mit großer Beharrlichkeit seine Bitten vor Gott trägt, wer sich an ihn wendet, auch wenn sich zunächst kein ‚Erfolg‘ einstellt, der gibt damit Zeugnis von der Kraft seines Glaubens. Doch ist das nicht ist zu schön gesagt, um wahr zu sein? Kann ich diesen Glauben überhaupt leben? Zurecht fragt Jesus: ‚Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, den Glauben auf der Erde finden?‘ Wir, die Gläubigen, sind gefragt.
Ich bin oft müde des Glaubens, müde im Bitten um Frieden, müde des Betens. Aber ich kann beten, weil Gott in Jesus Christus einer von uns geworden ist und selbst gebetet hat: ‚Christus hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte, und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht‘ – so steht es im Hebräerbrief. Und ich bin mir gewiss, dass Jesus auch mit uns in unserem Leben betet, wenn wir es nur zulassen.“

Pater Simeon und alle Brüder in Jerusalem und in Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

Über Alle Blogbeiträge von


Gott ist treu

„Ich mag sehr die kleinen Schriften der Bibel. Sie servieren das Wort Gottes in Espresso-Form: Kurz, kräftig und belebend! Heute serviert uns die Liturgie einen Ausschnitt aus dem Zweiten Timotheusbrief, der mit seinen vier Kapiteln zugegebenermaßen schon die Länge eines Doppio hat. Der heutige Abschnitt wirkt für mich wie ein Prisma, welches die vielfältigen Botschaften des ersten Teils der Bibel, des Alten Testaments, zu einem Lichtstrahl bündelt.

Da ist zum einen die wunderbare Botschaft, dass das Wort Gottes nicht in Fesseln liegt. Auch wenn die Gläubigen aller Zeiten immer wieder in Bedrängnis und Unfreiheit und in Fesseln liegen, so schafft das lebendige Wort Gottes doch immer wieder neu Freiheit und reißt alle menschlichen Kerker nieder. Schöner kann man meines Erachtens die Exodus-Erfahrung und die Liebe des Volkes Israels zu den Geboten Gottes nicht zusammenfassen!

Dann ist da die tiefe Einsicht, dass unser Handeln Konsequenzen hat, und zwar auch auf unsere Gottesbeziehung. Gott nimmt unsere Freiheit ernst - der Konsequenzen sollten wir uns aber gewahr sein. Der berühmte Tun-Ergehen-Zusammenhang des Alten Testaments wird hier fast hymnisch zum Ende des heutigen Lesungsabschnitts auf die Christusbeziehung der Getauften bezogen!

Schon früh gibt es im Alten Testament die kritische Anfrage, ob der Tun-Ergehen-Zusammenhang denn wirklich unwidersprochen gilt, da es einigen Übeltätern offensichtlich nicht schlecht zu ergehen scheint. Auf diesen berechtigten Einwand gibt der letzte Satz der Lesung eine unsere Augen öffnende Antwort: Gott ist treu! Das ist wohl die wichtigstes Hauptbotschaft des gesamten Alten Testaments und zugleich die Antwort schlechthin auf viele unserer menschlichen Fragen. Ja, Gott ist treu! Er kann sich selbst nicht verleugnen! Er ist der treue Gott, auch wenn wir uns in die schlimmsten Fesseln der Sünde verstrickt haben. Das ist schwer zu fassen und entspricht nicht unserer innerweltlichen, menschlichen Logik. Eines ist aber klar: Das ist unser Gott! Er ist treu! – ein guter Grund zur Dankbarkeit.“

Pater Nikodemus und alle Brüder in Jerusalem und in Tabgha wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

Über Alle Blogbeiträge von


Ein Mehr an Glauben?

„‘Stärke unseren Glauben‘ – diese Bitte im Munde der Apostel klingt auch heute noch nach im Gebet vieler Christen. Und das verwundert auf den ersten Blick auch nicht. Es ist doch eine fromme Bitte. Wer so betet, gesteht ein, dass sein oder ihr Glaube schwach ist. Die Apostel bitten nicht um etwas Nebensächliches, sondern um das Wichtigste: einen starken Glauben. Die Antwort Jesu überrascht uns: ‚Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn, würdet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Entwurzle dich und verpflanz dich ins Meer! und er würde euch gehorchen.‘

Wie so oft reicht auch für das Verstehen des Evangeliums am heutigen Sonntag nicht nur ein erster Blick, sondern wir müssen tiefer in den Text hineinschauen. Wenn man den griechischen Text, der der Übersetzung ins Deutsche zugrundliegt, liest, dann fällt einem direkt auf: Da steht in der Bitte der Apostel nicht ‚Stärke unseren Glauben‘, sondern „Füge hinzu zu unserem Glauben“ – die Apostel bitten also um eine Mehr an Glauben. Das liest sich ganz anders und wirkt direkt ungewöhnlich: Gibt es ein Mehr an Glauben? Warum begehren sie mehr Glauben?

Im Theologie-Studium habe ich gelernt, zwischen dem Glaubensakt, dem Vertrauen (fides qua), und dem Glaubensinhalt (fides quae), also dem was man glaubt, zu unterscheiden. Welchen Glauben begehren die Jünger vermehrt zu bekommen? - das Vertrauen oder den Glaubensinhalt?

Am Anfang des Kapitels, aus dem das heutige Sonntagsevangelium stammt, - in den Versen, die direkt vor der Bitte der Apostel stehen-, geht es um Vergebung und Verzeihung! Wenn sich dein Nächster gegen dich versündigt und um Verzeihung bittet, sollst du sie ihm gewähren: nicht nur einmal, sondern siebenmal. Es geht also um Verzeihen, es geht um Vergeben aus der Kraft des Glaubens heraus. Es geht um das Tun des Glaubens, um die Glaubenspraxis. Also: Wie lebst du deinen Glauben? Oft erkennt man anhand der Lebenspraxis eines Menschen, woran dieser oder diese tatsächlich glaubt, worauf er oder sie sein Leben baut.

Man benötigt viel innere Kraft, Geduld und Ausdauer, um vergeben zu können. Es ist besonders schwierig einer Person immer wieder zu verzeihen. Im Endeffekt bitten die Apostel also nicht abstrakt um mehr Glauben, sondern um Kraft zur Erfüllung der Gebote der Gottes- und Nächstenliebe im Alltag. Sie bitten um Kraft, um immer wieder neu, jeden Tag ihren Mitmenschen verzeihen zu können. Es geht in ihrer Bitte also nicht um mehr Vertrauen oder mehr katechetisches Wissen, sondern um Stärkung der Glaubenspraxis durch die sich der Inhalt ihres Glaubens, ihr Vertrauen auf Gott, zu erkennen gibt.

Diese Bitte wird nun von Jesus mit scharfen Worten beantwortet. Umso mehr ich über diese Worte Jesu nachdenke, umso mehr Zweifel habe ich, ob Jesus das ernst gemeint hat. Er hat zwar viele Wunder und Heilungen vollbracht, er hat den Sturm gestillt und das Brot vermehrt, aber niemals hat er eine Teleportation bewirkt. Bäume, die durch die Luft fliegen, kenne ich aber aus anderen Kontexten: aus den Harry-Potter-Büchern, oder auch aus Superheldengeschichte, also aus dem Bereich der Fantasieliteratur. Und da gehören die durch die Luft wirbelnden Bäume auch hin. Jesus kritisiert seine Apostel. Er weist sie zurecht. Weder geht es um fliegende Bäume in seiner ironischen Antwort, noch um das Groß- oder Kleinsein des Glaubens.

Entscheidend ist für Jesus, dass der Glaube wirklich Glaube ist. Nicht mehr oder stärkerer Glauben ist vonnöten – der Glaube allein genügt. Die Jünger müssen nicht nach mehr oder besserem Glauben streben. Ihnen ist schon alles gegeben, was sie brauchen. Glaube ist kein Schatz, den man anhäufen kann. Glaube ist die Suche nach Gott in einer sich wandelnden Welt. Glaube ist eine bestimmte Lebenshaltung und eine Orientierung, ja er ist eine Pilgerschaft und braucht zugleich die Fleischwerdung, die Glaubenspraxis. Glaube ist ein Weg des Vertrauens und des Mutes, der Liebe und der Treue; er ist eine Bewegung in die Richtung jener Zukunft, die Christus uns eröffnet hat und in die er uns einlädt, ihm zu folgen.“

Pater Elias und wir alle in Tabgha und auf dem Zion wünschen Euch einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

Über Alle Blogbeiträge von