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Weil ER dich braucht
Ansprache
zur feierlichen Profess von Br. Nikodemus am Pfingstmontag 2009 (1.
Juni) von Abt Benedikt Maria Lindemann OSB
Lieber
Br. Nikodemus, liebe Brüder, liebe versammelte Gemeinde!
Zweimal wirst du in dieser Stunde auf meine Fragen
antworten: „Ich bin bereit.“ Beim dritten Mal wirst
du sagen: „Mit Gottes Hilfe bin ich bereit.“
Jedesmal, wenn ich in der Gemeinschaft der Brüder eine Profess
entgegennehmen darf, bete ich in Stille mit: „Mit Gottes
Hilfe bin ich bereit.“ Denn was der heilige Benedikt im
Prolog seiner Regel im Hinblick auf den Gehorsam sagt, gilt doch in
fundamentaler Weise für den entscheidenden Moment der
Feierlichen Profess, die endgültig das ganze Leben meint:
„Weil aber unsere Natur nicht genug Kraft dazu besitzt,
wollen wir den Herrn bitten, dass er uns die Hilfe seiner Gnade
zukommen lasse.“ (V.41)
Bereitschaft alleine reicht nicht! Gute Vorsätze alleine
reichen nicht. Monastische Studien und hohe theologische Bildung allein
reichen nicht. Die momentane Gesundheit allein reicht nicht.
Dir, lieber Br.
Nikodemus, und jedem deiner Brüder muss es unmissverständlich
und bis in die Wurzeln deines Daseins klar sein: aus mir selbst heraus
und meinen Kräften allein kann ich den Weg der Nachfolge
Christi und der monastischen Hingabe an Gott nicht gehen!
Und dennoch ist dein Jawort gefragt; und dennoch verlangt Gott von dir
deine ganze begrenzte, fragile, wankelmütige, zittrige und
zugleich herzerfrischend
mutige Bereitschaft:
„Ja, mein Gott, ja, meine Brüder, ja, ihr Zeugen alle: ich
bin
bereit, mit Gottes Hilfe bin ich bereit!“ Ist das nicht
gerade bei aller menschlichen Schwäche beruhigend, dass du den
Weg immerzu mit IHM gehst, der dich nie verlässt, der dich ins
Dasein rief aus Liebe, und der dich zum Mönch
auf den Zion beruft aus Liebe?!
Nikodemus, der theologisch hoch Gebildete, der Grübler und auch
mal
Zauderer, der die Leute begeistert und temperamentvoll seine Meinung
vertritt, der Jesus bei Nacht sucht, weil er
vielleicht ganz zart und unwiderstehlich die erlösende Liebe aus
seiner Botschaft
hört und ihr antwortet. Nun antwortest du aus Liebe dem, der
dich liebt.
Darum, Br.
Nikodemus, trage
ich
dir
ein Gedicht von Bertolt Brecht vor, und die, die dich gut kennen,
werden verstehen, warum ich es für dich
ausgesucht habe. Es ist
MORGENS UND ABENDS ZU LESEN
Der, den ich liebe
Hat mir gesagt
Dass er mich braucht.
Darum
Gebe ich auf mich acht
Sehe auf meinen Weg und
Fürchte mich von jedem Regentropfen
Dass er mich erschlagen könnte.
Ausgehend von dieser seltsamen und
betrachtungswerten Liebeserklärung möchte ich dir und uns
Versammelten
drei Haltungen mit auf dem Weg geben, die dir auf deinem und unserem
gemeinsamen Weg Orientierung geben sollen:
Dankbarkeit,
Demut,
discretio
.
Alle drei geistlichen Haltungen erkenne ich wieder in den wenigen
Worten von B. Brecht.
Ohne grundsätzliche Dankbarkeit für das Leben und den
persönlichen Lebensweg, wie schwer oder turbulent er auch
immer war, oder wie viele
bunte oder grau–dunkle
Schattierungen er auch aufweist, kann ich keine Profess ablegen. Du
antwortest dem aus Liebe, der dich liebt, sagte ich weiter oben.
Deine Bereitschaft als Benediktinermönch auf dem Zion Gott
dein Leben hinzugeben, ist Ausdruck dankbarster Liebe zu dem, der dich
ins Leben rief und sagte: dich will ich, und ich will dich ganz.
„Suscipe
me,
domine!“, ist dein antwortendes Liebeslied. „Der, den ich
liebe, hat mir gesagt, dass er mich braucht.“ Ja, Christus
braucht dich - nicht weil er dich nötig hätte! Er
braucht dich in seiner Nachfolge, er braucht dich in guten und schweren
Tagen,
er braucht dich in Gesundheit und Krankheit, er braucht dich in Erfolg
und Misserfolg, er braucht dich im Lachen und Weinen, in der Freude und
im
Trauern, er braucht dich als Zeuge seiner Frohen Botschaft vom
Barmherzigen Vater im Himmel. Und er braucht dich und will dich als
Mönch, als
Benediktinermönch auf dem Zion, er braucht dich als Beter.
Hüte dich davor zu meinen, dass er deinen Erfolg, deine
intellektuellen Leistungen brauche, aber sei dankbar, dass er dir so
viele Begabungen geliehen hat, die dein und das Leben der Gemeinschaft
und der Kirche bereichern sollen und für die du eines Tages
Rechenschaft ablegen wirst. Such und erinnere jeden Abend vor dem
Schlafen in deinem Nachtgebet 5 Punkte, für die du Gott danken
willst. Wenn du das wirklich jeden Abend tust, wird die Dankbarkeit
allmählich zu deiner Haltung, die eine kostbare Frucht
hervorbringen wird: den Frieden des Herzens.
Der von Herzen Dankbare ist im Frieden, wo er auch steht, wie es ihm
auch geht, sein Geist braucht nicht umherzuschweifen, er bringt sich
ein und lässt sich führen vom Gespür, was
der ganzen Gemeinschaft zum Frieden dient.
Die Dankbarkeit ist der Schlüssel für das, was einen
Mönch wesentlich ausmachen soll: die Demut.
Der Demütige weiß, wer er ist: Kind Gottes. Das Leben
verdankt sich seinem Schöpfer. Sein göttliches Kind bist du,
seine
göttliche
Würde macht dich menschlich. Keine deiner Fähigkeiten
und Begabungen, aber auch keine deiner Begrenzungen und
Schwächen sind zufällig. Sie sind dir gegeben,
Br.
Nikodemus,
damit du an ihnen menschlich reifst und im Glauben wächst.
Denn sie sind dir gegeben, dir allein, weil sie je auf ihre Weise dich
auf den hinweisen, der dich liebt, der
dich zu einem erfüllten Leben führen will.
„Es gibt erfülltes Leben trotz unerfüllter
Wünsche“, sagt einmal Dietrich Bonhoeffer.
Leider hat das Wort Demut durch viel Missbrauch einen negativen Ruf.
Doch wenn wir auf Jesus schauen, der von sich sagt, dass er
demütig und sanft von Herzen ist, dann kann uns sein Beispiel
ermutigen und die Demut im neuen, in ihrem wahren Licht erscheinen
lassen. Die Demut ließ Jesus frei genug sein, den
Sklavendienst der Fußwaschung an seinen Jüngern und
insbesondere an seinem Verräter vorzunehmen und ebenso frei
und gerade im Angesicht seiner Verfolger sagen: Ja, ich bin ein
König. Demut bedeutet: Selbstkongruenz, Ruhen in sich,
gesundes Selbstbewusstsein.
Die Demut ist nicht laut, nicht rachsüchtig, niemals
verzweifelt, nicht rechthaberisch
, sie ist nicht kleinlich, sie ist nicht kriecherisch, sie ist
unabhängig von Erfolgen und unabhängig von
Misserfolgen
. Sie ist, was sie ist, und sie ist es ganz.
Die wahre Demut führt zu wahrer innerer Freiheit und
Unabhängigkeit von Meinungen und Ansichten anderer.
Der wahrhaft Demütige weiß um die Ehre, die die
Liebe seines Schöpfers ihm gibt, und darum lässt er
sich gebrauchen als Werkzeug seiner Liebe – worin immer auch
der Dienst bestehen mag. „Der, den ich liebe, hat mir gesagt,
dass er mich braucht.“ In dieser Stunde sagst du: mit seiner
Hilfe bin ich bereit.
In einem Mysterienspiel lässt Hildegard von Bingen die
Tugenden eine Tanz und Gesang vortragen. Sie alle sind
prächtig gekleidet und besingen ihren Wert und ihre
Schönheit. Zuletzt kommt die Demut in den Reigen. Sie ist mit
einem braunen Gewand bekleidet. Doch allein sie trägt eine goldene
Krone auf dem Haupt, und
alle anderen Tugenden neigen sich tief vor der aufrechten Gestalt der
Demut. Sie ist die wahre Königin der göttlichen
Freiheit und Würde.
Die Tugend der Demut hilft dem Mönch zu dem notwendigsten
Handwerkszeug geistlichen Lebens überhaupt: die
discretio. Johannes
Kassian
schreibt in seinen
Collationes, den Unterredungen der Väter
: „Wir müssen alles daran setzen, das Gut der
Unterscheidung durch die Tugend der Demut zu erlangen, so dass wir vor
Übertreibungen nach beiden Seiten geschützt
sind.“ Und zu unser aller anschaulichen Erläuterung
fügt er hinzu: „Übertriebenes Fasten und
Gefräßigkeit laufen letztlich auf das gleiche Ende
hinaus. Denn wenn jemand durch übermäßiges
Fasten geschwächt ist, wird er notwendigerweise in den Zustand
zurückfallen, den der sorglos nachlässige
Mönch niemals überschritten hat.“ (Die Gabe
der Unterscheidung, S. 53)
Johannes
Kassian
und Benedikt nennen die
discretio
, die Gabe der Unterscheidung der Geister, die Mutter aller Tugenden.
Sie hilft, den rechten und für jeden einzelnen den ihm
angemessenen Weg zu Gott zu finden. Für Benedikt ist das
Kloster eine Schule für den Dienst des Herrn.
Askese, die geistlichen und körperlichen Übungen, sind
eine lebenslange Aufgabe. Das rechte Maß an Gebet und Arbeit,
an Schweigen
und Reden, an Essen und Fasten, an Schlaf, Erholung, Lesung sind den
verschiedenen Zeiten und Umständen, den klimatischen und
örtlichen Gegebenheiten
oder klösterlichen Situationen
anzupassen. Geistliche Übungen und Verzicht auf viele
Annehmlichkeiten, die das Leben verschönern können
sind kein Selbstzweck.
Alles dient
nur dem einen Ziel: „nichts höher (zu) stellen als
Christus, der uns alle miteinander zum ewigen Leben
führe.“
– Warum
lege ich dir die Gabe der Unterscheidung so sehr ans Herz? Weil der,
der dich liebt und den du liebst, dich braucht….
Lass dich von ihm in Gebrauch nehmen, schonungslos, radikal, ganz und
gar,
im Studium, in der Lehre, im Putzen des Rekreationsraumes, im Eifer des
gemeinsamen und persönlichen Betens, in der
Unauffälligkeit kleiner Dienste,
in der Bemühung um Pünktlichkeit, in der Freude an
der Gemeinschaft! Sei auch
in dieser Hinsicht wachsam für dich und andere: nicht alles, was
äußerlich nach
Tugend aussieht, nach Demut, Armut, Bescheidenheit oder auch
Nächstenliebe,
ist es auch. Absichtslosigkeit ist
ein wichtiges Beweismittel und hilft, die Geister zu unterscheiden.
Und das Lachen über sich selbst sowie die Generosität
mit den Schwächen
und auch Fehlern
der anderen - auch das gehört zur Frucht der
discretio.
Ja, Br.
Nikodemus, gib dich dem ganz und gar hin, den du liebst.
Doch gerade deshalb sage ich dir ebenso deutlich
mit den Worten von B. Brecht – und du wirst mich in diesem
Zusammenhang gut verstehen: „Darum gebe ich auf mich Acht,
sehe auf meinen Weg, und fürchte mich von jedem Regentropfen,
dass er mich
erschlagen könnte.“
– Weil ER dich braucht,
Nikodemus
!
Lieber Br.
Nikodemus, die Liebe zu Gott, und wie du sie lebst,
muss man als Mönch nicht jedem erklären
können, weil du es auch im letzten nicht kannst.
In deinem Spruch
zur Profess
drückst du es
ehrlich und ungeschminkt
aus: „Du hast mich betört, oh Herr, und ich
ließ mich betören; du hast
mich gepackt und überwältigt.“ Auch dir
selbst
wird es ein Geheimnis bleiben, warum du diesen Weg gewählt
hast, denn
in Wahrheit
hat Gott dich gewählt.
Nur Ablesen werden es die Menschen an dir und deinem Verhalten, an
deiner Ausstrahlung, ob es echt ist. Deine Liebe bleibt dein Geheimnis.
Bewahre es dir
und lebe es. Es ist schön! Du bist nicht allein auf deinem
Weg. Mit dir sprechen deine Brüder: „Ja, Herr, ich
bin bereit; mit Gottes Hilfe bin ich bereit!“
Abt
Benedikt M. Lindemann OSB
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