|
Kraft,
einander zu dienen
P.
Jakobus Zoor OSB zum Gründonnerstag 2008
Liebe
Schwestern und Brüder,
ein bisschen Brot, ein wenig Wein, eine Schüssel, in die
Wasser gegossen werden kann – die Requisiten für das
Geschehen dieser Feier sind parat gelegt. Wir erleben damit gemeinsam
einen der geheimnisvollsten Abende, in die uns die Liturgie im Laufe
des Kirchenjahres hineinführt: hier auf dem Zionsberg sind wir
beim letzten Abendmahl Jesu dabei. Durch nur wenige Mauern von dem Raum
getrennt, der nun seit Jahrhunderten als der Ort des Geschehens gezeigt
wird, feiern wir die Fußwaschung, die uns Jesus als gleichsam
geronnene Zusammenfassung seines Lebens hinterlassen hat. Heute Abend
hören wir in der Verkündigung den Evangelisten
Johannes, der das Schwergewicht auf eben die Beschreibung dieses
Zeichens legt. Zur Feier des letzten Abendmahls sagt er uns nur kurz
und knapp: "Es fand ein Mahl statt!" (Joh
13, 2)
Wie das genauer ablief, erfahren wir bei den anderen Evangelisten und
bei Paulus. Sie beschreiben detailliert das Geschehen des Mahles und
überliefern die deutenden Worte, die uns Jesus dazu bietet:
"Das ist mein Leib für euch. (…)
Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut" (1 Kor 11,
24.)
Unmissverständlich leuchtet hier ein Zusammenhang auf, den uns
die Feier dieses Abends jedes Jahr deutlich macht: Eucharistie ohne im
Alltag gelebte Liebe ist unvollständig. Die Messe ist nicht
mit dem Entlassungsruf vorbei. Sie ereignet sich weiter:
nämlich in meinem Alltag, in dem ich immer wieder neu beginne,
anderen zu dienen: in der Familie, im Kloster – selbst am
Arbeitsplatz. Das geheimnisvolle Geschehen der Eucharistie ist erst
dann vollendet, wenn durch uns der Leib und das Blut Jesu für
andere spürbare Liebe geworden ist. Wie eine Quintessenz
dieses Abends bringt es Jesus ins Wort, wenn er sagt:
"Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die
Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr
einander die Füße waschen!" (Joh 13,
14)
Das ist uns vordergründig alles sehr klar. Aber gleichzeitig
wissen wir auch um unsere Schwierigkeiten, diesen Anspruch mit Fleisch
und Blut zu füllen, diesen Dienst in unserem Alltag zu leben.
Da tun wir uns leichter mit dem Versuch, über andere zu
herrschen: über den Ehepartner, über die Kinder,
über den Mitbruder im Kloster, über die Mitarbeiter
in der Firma – die Liste ließe sich fortsetzen.
Warum ist das so? Warum schrecken wir innerlich oft davor
zurück, unser Leben immer mehr als Dienst an den Menschen zu
verstehen und zu gestalten?
Wir können da unsere ganz eigenen Erfahrungen gemacht haben:
womöglich sind wir ausgenutzt worden von Menschen, die unser
Engagement irgendwann für zu selbstverständlich
gehalten haben. Oder wir haben es erleben müssen, wie wir
selbst fast am Ende unserer Kräfte angelangt waren - bei dem
Versuch, voller innerer Dienstbereitschaft ganz für andere da
zu sein. Und solche Erfahrungen, solche Enttäuschungen setzen
sich natürlich in unserer Seele fest. Sie können
unser Herz hart gemacht haben. Und dies macht es uns dann oft so
schwer, von unseren eigenen Bedürfnissen abzusehen und dem
anderen zu dienen.
Letztlich aber steckt hinter einer solchen Haltung eine tief
verwurzelte Angst um unser Dasein. Denn wer dient, der tut dies, um
anderen Menschen das Leben zu ermöglichen - ohne etwas davon
für sich selbst zu erwarten und ohne den Vorschuss von
Sympathie zur Bedingung für diesen Dienst zu machen. Wer in
seinem Leben aber innerlich ständig um seine Existenz bangen
muss, der wird aus der Angst heraus, selbst zu kurz zu kommen, sich
wohl kaum um das Leben anderer bemühen können.
Und genau hier leuchtet der Zusammenhang zwischen der Eucharistie und
dem Dienst am anderen deutlich auf. In den Symbolen von Brot und Wein
empfangen wir ja Christus selbst, der für uns gestorben und
auferstanden ist. Wir bekommen immer wieder neu Leben geschenkt. Und
dieses uns geschenkte Leben ist ein Leben, dem kein Tod mehr etwas
anhaben kann. Jede Feier der Eucharistie will damit ein neuer Impuls,
eine tiefere Kraftquelle für unsere Bereitschaft sein, dem
anderen zu dienen.
Denn wenn die innere Botschaft der Eucharistie in uns ankommt, dass wir
mit dem Leben schlechthin eins werden – bis in die letzten
Zellen unseres Leibes hinein, dann wird daraus die geistliche Kraft
wachsen können, die nötig ist, um anderen zu dienen.
Die Eucharistie ist nicht die Belohnung für ein vorbildlich
karitatives Leben. Sie ist die Ermöglichung eines Lebens, das
bereit ist, sich zu bücken und den anderen die
Füße zu waschen.
Es bleibt wohl ein Geheimnis, dass sich erst am Ende unseres Lebens
klären wird, wie oft wir einem anderen dienen konnten, weil
wir zuvor innerlich bei der Feier der Eucharistie unter den Zeichen von
Brot und Wein mit dem Leben schlechthin gestärkt wurden.
Um was geht es konkret?
Es geht um unseren Alltag - nach diesem Gründonnerstag
– wenn wir wieder zu
Hause sind oder im Getriebe des Normalen. Es muss in unserem Alltag
nicht
immer gleich um die großen Sozialprojekte gehen. Vielmehr
sind es die
scheinbar unwichtigen Möglichkeiten, einander zu dienen, die
wir nicht aus dem
Auge verlieren sollten. Noch einmal kann uns das Symbol der
Fußwaschung
helfen, sie zu entdecken:
Es gibt in unserem Alltag unendlich viele Möglichkeiten, dem
anderen zu
helfen, wieder auf die eigenen Füße zu kommen,
dafür zu sorgen, dass es mit
ihm weitergeht. Da reicht oft schon ein sensibler Blick für
die Lage des anderen
und ein helfender Rat, wenn er sich in irgendetwas verrannt hat, was
auf keinem
guten Boden fußt. Dienst im Sinne des Evangeliums geschieht
überall dort, wir
durch unser Tun dem anderen zeigen: "Ich möchte,
dass Du gut auf deinen
eigenen Füßen stehen kannst und den
Herausforderungen des Lebens begegnen
kannst. Ich will Dir helfen, dass Dein Leben wieder auf Vertrauen, auf
erfahrbare Gemeinschaft und Treue fußt. Und wenn du es nicht
allein schaffst:
Ich helfe dir auf die Beine."
Wenn wir gleich erleben werden, wie Abt Benedikt zwölf
Männern und Frauen
die Füße waschen wird, dann ist dieses liturgische
Tun Ausdruck dafür, dass das
Ideal des Dienstes nicht nur ein Wunsch bleiben muss, sondern
Wirklichkeit
werden kann. Denn alle die, denen die Füße gewaschen
werden, setzen sich
dienend für andere ein: sie helfen anderen, auf eigenen
Füßen stehen zu können
etwa palästinensischen Jungs im "Franciscan Boys
Home" in Bethlehem, die
sonst keine gute Startbasis für ihr Leben haben
könnten. Oder sie tragen Sorge
für ein Fortschreiten in der Theologie und der
Ökumene, damit unser
menschlicher Verstand immer mehr ergreift, wie das Reich Gottes in
dieser Welt
verwirklicht werden kann. Es sind Männer und Frauen, die in
ihrem Alltag
immer wieder anderen dienen: in der Familie, in der
Klostergemeinschaft, in der
sie leben und in der Kirche – als Familienvater, als
Mönch oder Volontärin und
Volontär. Wir dürfen heute voller Dankbarkeit die
sichtbar gewordene
Möglichkeit des Dienens unter uns feiern.
Liebe Schwestern und Brüder,
an diesem geheimnisvollen Abend, den wir hier gemeinsam auf dem Zion
erleben dürfen, wünsche ich uns allen viel neue
innere Kraft, einander dienen
zu können – von der Angst befreit, dabei um das
eigene, das eigentliche Leben
betrogen zu werden. Denn wir bekommen das Leben neu in die Hand gelegt
–
gleich in wenigen Augenblicken. Es sieht aus wie ein bisschen Brot und
ein
wenig Wein.
P.
Jakobus Zoor OSB
|
|