|
Fastenpredigten in St. Godahard,
Hildesheim: Das Magnificat
Predigt von P. Jonas Trageser OSB am 3. Fastensonntag 2010 zu Lk 1,46-55
Liebe Schwestern und Brüder,
Auf unserem gemeinsamen Weg durch die österliche Bußzeit,
der uns hinaufführt nach Jerusalem, halten wir an diesem Sonntag
hier mit Gebet und Predigt wieder inne. Kann es für uns Christen
einen intensiveren Weg als diesen mit Christus geben? Die
geprägteste aller Zeiten des Kirchenjahres soll uns durch Halte -
und Orientierungspunkte und manch persönlich gesetzten Schwerpunkt
helfen, diesen geistlichen Weg voll innerer Vorbereitung, Anteilnahme
und Vorfreude auf das Osterfest zu gehen. Der Heilige Benedikt rät
uns: “ Mit geistlicher Sehnsucht und Freude das Heilige Osterfest
erwarten.“
Vielleicht können für diese „geistliche Sehnsucht und
Freude“ auch die Fastenpredigten hier in der Basilika von St.
Godehard helfen. Entlang der Tagzeitenliturgie von Laudes, Vesper und
Komplet der Kirche, die uns Benediktinerinnen und Benediktinern
kostbares Vermächtnis und Verpflichtung und vielen mit uns sind,
gehen wir diesen Weg.
Bevor wir heute in die Thematik des Magnifikat einsteigen, möchte
ich einen Gedanken aus einer Präfation für die Sonntage im
Jahreskreis voranstellen. Hier scheint mir Zentrales im Blick auf die
Eucharistie gebündelt, und dicht auch für unser Thema
aufzustrahlen. Dort heißt es: „In dir leben wir, bewegen
wir uns und sind wir. Jeden Tag erfahren wir aufs Neue das Wirken
deiner Güte. Schon in diesem Leben schenkst du uns den Heiligen
Geist…“.
Ja, weil wir in IHM leben, uns bewegen und sind, deshalb loben und
preisen wir GOTT. Und weil wir jeden Tag auf Neue das Wirken SEINER
Güte erfahren, danken wir Gott mithilfe des großen
Gebetsschatzes der Kirche: der Psalmen, der Hymnen. Schon in diesem
Leben dürfen wir singend und betend die Kraft des Heiligen Geistes
an Zeuginnen und Zeugen des Glaubens erfahren und schließen uns
dieser Dynamik an. Lassen wir uns also durch das Magnifikat, das
„Lied vom heiligen Umsturz“, wie es Kurt Marti, der
Schweizer Dichter und Priester nennt, anregen für uns eigenes
Christsein heute. Hier seine Übersetzung:
1
„und Maria sang
ihrem ungeborenen Sohn:
meine Seele erhebt den Herrn
ich juble zu Gott meinem Befreier
ich: eine unbedeutende frau aber
glücklich werden mich preisen
die Leute von jetzt an
denn großes hat Gott an mir getan sein
Name sei heilig
und grenzenlos sein erbarmen
zu allen denen es ernst ist mit ihm er
braucht seine macht
um die Pläne der Machthaber fortzufegen
er stürzt die hohen vom sitz
und hebt die unterdrückten empor
er macht die hungrigen reich
und schickt die reichen hungrig weg
2 und Maria konnte kaum lesen
und Maria konnte kaum schreiben
und Maria durfte nicht singen
noch reden im Bethaus der Juden
wo die Männer dem mann-gott dienen
dafür aber sang sie
von der großen Gnade
und ihrem heiligen Umsturz“
Maria singt! Ein großartiges Lied, ein Psalm von ungeheurer
Kraft! Das Magnifikat. „Magnifikat", das ist einfach das erste
Wort dieses Liedes in lateinischer Sprache. Luther übersetzt:
„Meine Seele erhebt den Herren", unsere Einheitsübersetzung
sagt: „Meine Seele preist die Größe des Herrn“.
Wörtlich heißt es „groß machen", magnificare,
erheben, preisen.
Dietrich Bonhoeffer schreibt über das Magnifikat: ''Dieses Lied
der Maria ist das leidenschaftlichste, wildeste, ja man möchte
fast sagen revolutionärste Adventslied, das je gesungen wurde. Es
ist nicht die sanfte, zärtliche, verträumte Maria, wie wir
sie auf Bildern sehen, sondern es ist die leidenschaftliche,
hingerissene, stolze, begeisterte Maria, die hier spricht ... ein
hartes, starkes, unerbittliches Lied von stürzenden Thronen und
gedemütigten Herren dieser Welt, von Gottes Gewalt und von der
Menschen Ohnmacht.''
Das Magnifikat, der große Lobpreis, den Maria singt, wird im
Stundengebet der Kirche Tag für Tag in der Vesper am Abend
über den Äquator hin von Millionen von Menschen gesprochen
oder gesungen. Überall auf der Welt beten und singen Menschen das
Magnifikat, das darf uns in einer kleiner werdenden Kirche gerade hier
im Westen froh und dankbar stimmen. Wir sind miteinander nicht nur
durch das Internet weltweit vernetzt, sondern auch durch unser Beten
und Singen in der Stundenliturgie. Dieses Netz trägt uns.
Die frühere Äbtissin von Burg Dinklage Schwester Maire sagt
in diesem Kontext: „Für die, die das Stundengebet
regelmäßig beten, ist das täglich wiederkehrende
Magnifikat wie ein Refrain im großen, vielschichtigen Loblied auf
Gott. Jeder Tag bringt in den verschiedenen Gebetszeiten und in der
Eucharistiefeier seinen eigenen Ausschnitt aus der Bibel, den wir
aufnehmen und zu verinnerlichen suchen. Das Magnifikat, das jeden Tag
vorkommt, ist wie eine bergende Herberge auf dem Weg. Man braucht sich
hier auf nichts Neues zu konzentrieren - keine neuen Worte, keine neuen
Bilder aufnehmen -, sondern man kann sich im vertrauten Text
niederlassen, kann Atem holen, und die Eindrücke, die man
unterwegs aufgenommen hat, zur Ruhe oder zum Nachwirken kommen
lassen“ soweit Schwester Maire. Ich füge hinzu, im Laufe der
Zeit wird es zu einem inneren, kostbaren Schatz, den ich immer wieder
öffnen und mich daran erfreuen kann.
Maria kommt uns ja allzu oft als stille, bescheidene Frau daher. Hier
im Lukasevangelium aber, ist sie Prophetin, Kritikerin ungerechter
Verhältnisse im Namen Gottes. Marias Lied ist ein Protestruf, der
uns in Bewegung setzen will. Eine junge Frau, das unbedeutende
jüdische Mädchen Mirjam, bringt Worte hervor von heftiger
Sprengkraft. „Theologie von unten" ist das. Sie ist schwanger,
sie ist im Haus des Zacharias und der Elisabeth zu Besuch:
Verwandtschaft trifft sich hier. Elisabeth, ebenfalls schwanger,
spürt, wie ihr Kind in ihrem Leibe vor Freude hüpft: der
spätere Johannes der Täufer - schon als Ungeborener wird er
Zeuge einer Reich-Gottes-Bewegung.
Was also sagte Maria? Welches Wort benutzte ein Jude, wenn er sagen
wollte: „So sei es”? Er sagte „Amen“. Mit
diesem „Amen“ sagt Maria: „So ist es und so sei
es”. Glaube und Gehorsam zugleich liegen in diesem Wort. Wer Gott
auf diese Weise antwortet, der bestätigt, dass das, was Gott sagt,
wahr ist und er sich dem unter stellt. Wer „Amen“ sagt,
sagt „Ja“ zu Gott.
Unser „Amen“, unser „Ja“ zu Gott muss zugleich
auch ein erneuertes „Ja“ zu der Sendung sein, zu der Gott
uns alle durch Taufe und Firmung mit unterschiedlichen Gaben und
Charismen berufen hat mitten hinein in Kirche und Welt. Schauen wir
deshalb weiter auf den Evangelisten Lukas. Er scheint uns unsere gut
situierte Bürgerlichkeit nicht nehmen zu wollen, aber er will,
dass wir Maria zuhören, immer wieder und immer wieder neu. Er will
uns spüren lassen, dass sich in diesem Augenblick unsere Werte zu
verflüchtigen beginnen, weil da etwas anderes, Größeres
hereinbricht. Zu Maria, der niedrigen Magd, hat sich der Himmel
herabgebeugt – das ist es, was sie so groß macht und was
alle irdisch-menschliche Herrlichkeit neben ihr in den Staub sinken
lässt und sie sagt Ja dazu.
Größe hatte schon immer Konjunktur: Kaiser, Könige,
Statthalter, Spitzenpositionen, Hitlisten, Megaevents, Supertalente
keine Frage. Größe, das ist für Menschen etwas
Faszinierendes, aber auch Verführerisches. Groß herauskommen
möchte manch einer selber gern auch in der Kirche.
Menschen werden aufgebaut, etwa Kandidaten für öffentliche
Ämter, und so mancher Zeitgenosse wird von den Medien
hochgejubelt, aber auch dann wieder schnell fallen gelassen, wie eine
heiße Kartoffel. Groß sein, groß machen - das ist ein
menschliches Dauer-, aber auch ein Trauerthema.
Gottes Größe - sie zeigt sich im Kleinen …
Kein Wunder, dass auch die Heilige Schrift ein Lied davon singen kann,
und zwar ein ganz besonderes Lied und ein großes Lied dazu: das
Magnifikat der Maria. Aber wie anders ist das "Großmachen" hier
gemeint! Es bedeutet nicht "aufbauen" oder "hochjubeln"; es bedeutet:
die Größe Gottes, des Allerhöchsten, als die einzige
wirkliche und wahre Größe erkennen und anerkennen. Das tut
Maria in und mit ihrem Gesang. Offenbar ist die Größe Gottes
ihr zur ganzheitlichen leib-seelischen Erfahrung geworden - sie erlebt
sie buchstäblich am eigenen Leib, ja, im eigenen Leib. Die
Größe Gottes offenbart sich ihr in dem noch in ihrem
Schoß verborgenen göttlichen Kind, dessen leise, ganz
unspektakuläre Ankunft in unserer Welt. Maria erfährt in
ihrem Leben in reinster Ausprägung etwas, was Menschen immer
wieder mit Gott erlebt haben: Seine Größe ist so ganz anders
als menschliche Vorstellungen von Größe. Sie erscheint mit
Vorliebe im ganz Kleinen, Machtlosen, Unscheinbaren, Verborgenen.
... auch im machtvollen Eingreifen,
Zwar zeigt sich Gottes Größe nach den Worten des Magnifikat
auch darin, dass Gott um der Gerechtigkeit willen die bestehende
politische und gesellschaftliche Ordnung umkehrt, also durchaus auch im
innerweltlichen Sinne machtvoll waltet, denn "er stürzt die
Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen." und "Die
Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen
leer ausgehen."
... vor allem aber in seinem Erbarmen.
Doch seine Größe zeigt sich am schönsten in seinem
rettenden Erbarmen. Dieser Gedanke ist so wichtig, dass er am Ende des
Magnifikat nochmals mit Nachdruck hervorgehoben wird: "Er [...] denkt
an sein Erbarmen, das er unseren Vätern verheißen hat,
Abraham und seinen Nachkommen auf ewig", zu diesen Nachkommen
gehören auch wir. Das rettende Erbarmen ist sozusagen die
endgültige Gestalt, in der sich Gottes Größe offenbart.
Es ist interessant zu wissen, dass das hebräische Wort für
"Erbarmen" gleichbedeutend ist mit "Mutterschoß". Dieser Gott ist
so groß, dass er alles Geschaffene, das immer auch bedroht ist,
liebevoll, zärtlich, rettend und bergend umfängt in
unverbrüchlicher Treue, "auf ewig". Seine Größe
enttäuscht und sprengt damit die menschlichen Vorstellungen von
Größe. Das muss Maria von innen heraus begriffen haben und
davon legt sie Zeugnis ab, indem sie das Los annimmt, das Gott ihr in
seinem Heilsplan zugedacht hat: Durch sie tritt das rettende Erbarmen
Gottes in der Gestalt Jesu in die Welt.
Die Schwägerin Elisabeth scheint sofort begriffen zu haben, was es
mit Maria in diesem Augenblick auf sich hat: „Gesegnet bist du
unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!“
– Da kann Maria nicht mehr an sich halten, und der Jubel bricht
aus ihr heraus. Maria, die Gewinnerin!, aber ganz anderer Art. Lukas
lässt uns an ihrem Jubel teilhaben. Freuen wir uns mit ihr!
Liebe Schwestern und Brüder, das Magnifikat ist deshalb ein
vorösterliches Auferstehungslied, das Menschen voll Demut
„Ich“ „ Ja“ sagen lässt und von Liebe und
Respekt geprägt ist, das in der „ Kraft Gottes die Welt in
Atem hält“, wie es einmal Bischof Wanke ausgedrückt
hat. Diese Kraft Gottes ist auch in uns hineingelegt, damit wir durch
unser einmal gesprochen Ja in Ehe und Partnerschaft, mit den
Evangelischen Räten, als Priester oder in einer Ordensgemeinschaft
oder als Alleinstehende und -lebende „die Welt in seinem Atem
halten“.
Das Magnificat singt von der Befreiung, wie das Lied der Mirjam, der
Schwester des Mose. Sie haut für Gott auf die Pauke, so ist es
wunderbar auf einem Mosaik in der Krypta unserer Dormitio Abtei
über der entschlafenen Maria dargestellt. Von jenem geistlichen
Lied des Magnifikat her schließt sich uns die ganze Bedeutung der
Menschwerdung, der Erlösung in Tod und Auferstehung Jesu und
unseres christlichen Glaubens auf. Stimmen wir deshalb oft und oft in
dieses „ Lied vom heiligen Umsturz“ ein und machen wir es
uns von seiner dynamischen Kraft für Kirche und Welt zu eigen.
Gottes Größe will auch in unserer Schwachheit zum Zug kommen.
Magnificat anima mea dominum – Meine Seele preist die Größe des Herrn.
|
|