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Fastenpredigten in St. Godahard,
Hildesheim: Das Nunc Dimittis
Predigt von Br. Samuel Elsner OSB am 4. Fastensonntag 2010 zu Lk 2,29-32
Liebe Schwestern und Brüder,
der soeben gehörte Text ist eigentlich Bestandteil der Komplet,
des Nachtgebets.
Wir beten ihn in der Komplet als Nunc dimittis, eben jener lateinischen
Anfangsworte des „Nun entlässt du, Herr, deinen
Knecht“.
Wenn ich selbstverständlich von „wir beten“ spreche,
dann meine ich uns alle, die Gemeinschaft der Kirche. Zu der wir alle
gehören!
Viele meinen ja, das Stundengebet der Kirche, die Gebete von Laudes,
Vesper und Komplet sei nur den Klerikern anempfohlen. Ich sag es etwas
lockerer: Priester, Mönche und Nonnen müssen das Stundengebet
beten, die anderen nicht.
Nein, so einfach ist das nicht. Es müsste wohl eher heißen:
Priester und Ordensleute dürfen das Stundengebet beten und Sie,
liebe Christen, dürfen es auch.
Alle sind dazu herzlich eingeladen.
Ich bin bei meinen Gedanken über die heutige Fastenpredigt genau darüber gestolpert.
Ich glaube, dass wir auf dem Weg sind zu verlernen, eine betende Kirche zu sein.
Alles reduziert sich schnell und gerne auf Strukturfragen – wir
kennen das alles aus den allseits beliebten Gemeindefusionen. Am Ende
diskutieren alle über die Verteilung der Heiligen Messe an den
verschiedensten Kirchorten… Die heilige Messe ist die
Höchste Form gemeinsamen Feierns und Betens, ohne Frage. Aber wir
merken ja auch, wie schnell wir argumentativ unter Druck kommen, wenn
wir in unseren Gemeinden keine tägliche Eucharistie mehr feiern
können, weil weniger Priester vorhanden sind.
Manche Gemeindefusion erfährt ihre erste Konfusion, wenn sie
merkt, dass sie die Gottesdienstordnung verändern muss. Und dann
gibt es den Dominoeffekt und alles bricht nacheinander zusammen…
Das muss eigentlich so nicht kommen!
Erleben wir Gemeinde nur dann, wenn wir die hohe Form der Eucharistie feiern?
Bitte verstehen sie mich richtig: Ich stelle bei meiner Aussage nicht
die Eucharistie in Frage, sondern das „nur dann“!
Erleben wir Gemeinde „nur dann“, wenn wir die hohe Form der
Eucharistie feiern, oder auch in anderen Gottesdienstfeiern und
Versammlungen? Zum Beispiel in der Form der gemeinsamen Vesper, dem
Abendlob der Kirche - wie wir es jetzt erleben, oder im
Rosenkranzgebet, oder eines gemeinsamen Nachtgebetes in unseren
Gemeinden. Wenn wir tatsächlich andere Formen des
gemeinschaftlichen Gebetes praktizieren – auch neben der
höchsten Form der Eucharistie – dann können wir noch
einmal ganz anders geistliche Gebetsgemeinschaft erleben – und
Kirche sein!
Und ich wage zur behaupten, dass die monastischen Gemeinschaften, zu
denen auch wir Benediktiner gehören, dieses Gebetsgut unserer
heutigen Zeit neu erschließen können.
Der Heilige Benedikt kennt in seiner Regel nicht die tägliche
Heilige Messe. Nur an den Sonntagen. Wenn er vom Gottesdienst spricht,
meint er in erster Linie das Stundengebet.
Im Laufe der Kirchengeschichte hat sich das aber verändert. Auch
in den Klöstern. Vielleicht tut es uns allen gut, sich auf den
Gebetsschatz der Kirche wieder zurückzubesinnen: Von daher hat das
Domkapitel die Überschrift zu den diesjährigen
Fastenpredigten treffend gewählt: Der Gebetsschatz der Kirche!
Da heißt es nicht: Den Gebetsschatz der Kirche neu erfinden. Das
würden wir viel lieber tun. Nein, es geht um ein wiederentdecken!
Ein Schatz ist schon da, der muss nur wieder neu gehoben werden!
Anders gesagt: etwas Vorhandenes muss wieder in den Vordergrund
gestellt werden, ins Bewusstsein geholt werden. Wir dürfen zu
„Schatzsuchern“ werden!
Wenn es um das Stundengebet der Kirche geht, höre ich oftmals
zuerst das Argument gegen die Psalmen. Für den einen ist es zu
viel Text, für den anderen zu althergebracht, für den
nächsten eine zu komplizierte Singweise…
Ich bin davon überzeugt, dass jedes Gebet, dass wir beten, schon
vor uns jemand formuliert hat. Die Anliegen, Sorgen und Nöte, die
zum Beispiel hier in dieser prachtvollen Basilika sicherlich seit
Baubeginn Gott entgegengebracht werden: Gott kennt sie alle! Ihm ist
aber auch gar nichts fremd.
Und ich bin davon überzeugt, dass es uns Menschen eine
Erleichterung ist, sich in den Gebetschatz der Kirche einzuklinken,
weil eben bereits etwas „formuliert“ ist. Oftmals fehlen
uns ja die Worte und ich erinnere mich an einen jungen Mann hier aus
Hildesheim, der mich letztes Jahr gefragt hat: „Wie beten sie,
Bruder Samuel?“ „Wie geht das?“
Eine bewegende Frage!
Solche Fragen müsste es öfters geben…
Eine Antwort darauf zugeben ist aber nicht nur Sache eines hauptamtlichen Mitarbeiters!
Wie würden sie darauf antworten?
Zum Gebetsschatz gehören auch die Psalmen der Gebetszeiten und
Ihre Cantica. Nehmen Sie einmal das Buch der Psalmen in die Hand und
beten Sie die 150 Psalmen bewusst durch. Sie werden Textstellen finden,
die Ihnen fremd sind, mit denen sie nichts anfangen können. Sie
werden aber auch manche selbst durchlebte Lebenssituation in diesen
alten Texten wieder finden. - Das kann übrigens für die ganze
heilige Schrift gelten!
Das Stundengebet lebt von der Wiederholung, der Meditation. Und ich
selber, der Woche für Woche die immer wiederkehrende Psalmordnung
des Stundengebets „durch–bete“, erlebe sie jede Woche
neu. Weil ich an jedem Tag ein anderer bin, weil ich mich weiter
entwickel, weil ich neues erlebt habe, aus veränderten
Lebenskontexten komme. Und schon klingt der Text anders in meinem
Herzen als letzte Woche.
Das Nachtgebet der Kirche kann wie jede Gebetszeit zu einer wichtigen
persönlichen Gottesbegegnung werden. Denn der Text des Nunc
dimittis wird uns jeden Tag neu in die Nacht mitgegeben.
Ich lade sie ein, mit mir näher den Text zu betrachten:
Wie kommt es zu diesem Text?
Dem greisen Simeon, der auf die Rettung Israels wartet, wird vom
heiligen Geist folgendes offenbart: Er werde den Tod erst schauen, wenn
er den Messias gesehen hat.
Und Simeon – geführt vom Heiligen Geist – sitzt im
Tempel, als die Eltern mit dem kleinen Jesus in den Tempel kamen, am
Tag der vorgeschriebenen Reinigung.
Der Text ist Teil des jüdischen Kontextes!
Im Judentum gilt die Mutter vierzig Tage nach der Geburt eines Sohnes
als unrein. Die Frau musste ein Reinigungsopfer darbringen. Wahlweise
eine oder zwei Tauben.
Maria pilgerte also zu dieser ihrer „Reinigung“ in den
Tempel. Da außerdem Jesus der erste Sohn war, galt er als
„Eigentum Gottes“ und musste von den Eltern zuerst
ausgelöst werden. Als die Eltern zu diesem Zweck in den Tempel
kommen, begegneten sie dem betagten Simeon. Er nimmt das Kind in seine
Arme und spürt, dass das es kein gewöhnliches Kind ist und
preist in dem Moment Jesus als den Erlöser Israels.
Und ihm wird bewusst, dass nun seine Stunde gekommen ist!
„Nun lässt du Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden!“
Wir beten diesen Text täglich, bevor wir zu Bett gehen.
Schlafen – zu Bett gehen rüttelt massiv an einer wichtigen
Grunderfahrungen unseres Lebens: Wer schläft, braucht vertrauen.
Die Zeit während wir schlafen, können wir nicht
kontrollieren. Beduinen, die zum Beispiel in Ihren Zelten wohnen,
müssen Angst haben, des Nachts überfallen zu werden. Wobei
das einem mittlerweile auch in einem Wohnhaus hier bei uns in
Deutschland passieren kann.
Der Dieb kommt gerne des Nachts, wenn es dunkel ist. Wer schläft
vertraut nochmals doppelt darauf, dass Gott ihn beschützen
möge.
Ich habe die Zeit des Schlafes nicht in meinen Händen – so
wie ich eigentlich keine Zeit meines Lebens in meinen Händen habe.
Auch bei Tage nicht.
Sie liegt in seinen Händen!
Das fordert Gottvertrauen.
Simeon hat dieses Gottvertrauen. Er ist derjenige, der den Messias erkennt und im Tempel sich zu ihm bekennt:
„Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast!“
Simeon hält das Heil der Welt in seinen Händen.
Bevor wir uns schlafen legen und uns in dieses besondere Vertrauen
Gottes hin-ein-begeben, ja in IHM ruhen, liegt die Frage auf der Hand,
wo wir an dem zuvor durchlebten Tag das Heil gesehen haben.
Vielleicht denkt sich nun der ein oder andere, dass ich versuche, den
Text „fromm“ dahin zu biegen! Es reicht ein einschalten des
Fernsehgerätes in unseren Wohnzimmern.
Diese Räume sind ja eigentlich geschützte Räume, in die
keiner so schnell von sich aus eindringen kann. Räume der
Privatsphäre. Und bevor man sich versieht, wird das eigene Zimmer
zum Unheilsort der Weltgeschichte: Naturkatastrophen dort, eine Bombe
da, missglückte Verhandlungen hier….
Die Welt hält schlagartig Einzug in mein privates Leben.
Aber nicht nur in den eigenen vier Wänden.
Ich gehe vor die Haustür und begegne der krebskranken Nachbarin oder dem Mann der um seine verstorbene Frau trauert…
„Warum?“ ist oft die Frage.
Es gibt nichts unter Sonne, was es nicht gibt!
Von Heil keine Spur.
Oder doch?
Wie erfahren wir das HEIL, dass allen Völkern bereitet wurde?
Und was tun wir gegen das Unheil?
Den Fernseher oder das Internet nicht einschalten, ist vielleicht die eine, praktische Lösung.
Das käme einem verschließen der Augen gleich.
Wir können vor dem Unheil dieser Erde nicht die Augen verschließen.
Da, wo viel Licht ist, gibt es auch immer viel Schatten.
Aber im Licht zu leben, das Heil zu suchen – da kommt das Wort
„Heiligung“ her: Das ist die Herausforderung unseres
Hierseins als Christen!
Die Heiligung unseres Alltags! Das war vor einigen Jahren in vielen kirchlichen Kreisen ein Dauerthema.
Was ist daraus geworden? Was haben wir daraus gemacht? Wie leben wir unser Christsein?
Ist das Christentum in Europa zu einer Notreligion verkommen, die ich
dann heranziehe, wenn ich in „Not“ bin, Unheil erfahre?
Wie erleben Außenstehende uns als Christen?
„Bruder Samuel, wie beten Sie?“
Beinhaltet diese Frage nicht eher die noch tiefer gehende Aussage und
Sehnsucht: „Ich weiß nicht, wie ich Gott erkennen kann und
wie ich mit ihm sprechen soll“?
Wie würden Sie dem jungen Mann - oder lassen sie es eine junge Frau sein - darauf antworten?
Oder andersrum gefragt:
Warum sprechen wir so selten darüber? Offenbar gibt es doch einen
Klärungsbedarf, sonst wäre heute Abend der Altersdurchschnitt
in unserer Kirche etwas niedriger …
Was haben WIR aus dem Licht, aus der Herrlichkeit gemacht, dass die Heiden - UNS!, DAS SIND WIR - erleuchtet hat?
Wir sind Träger dieses Lichtes. Ist es in uns schon so klein geworden?
Simeon behält seine Gottesbegegnung nicht für sich! Er
spricht darüber und sagt es allen, seinem Volk!, dass im Tempel
ist:
„Ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel“.
Wo haben wir schon einmal in der Öffentlichkeit, in dieser Deutlichkeit, unseren Glauben bekannt?
An Ostern nehmen wir dieses Licht erneut entgegen und halten es sogar – wie Simeon – in den Händen.
Als brennende Kerze – wo wir im Exsultet den Aufruf ‚zum
Zeugnis geben’ direkt hören: „Lobsinge, du
Erde!“ Da steht nicht: „Sitz still in der Bank und sing
nicht mit!“ „Lobsinge, du Erde, überstrahlt vom Glanz
aus der Höhe! Licht des großen Königs umleuchtet dich.
Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel.“
Und wenig später heißt es:
„O glückliche Schuld! Welch großen Erlöser hast du gefunden!“
Die Feier der Osternacht in ihrer ganzen Schönheit durchschreitet
die Stationen der Heilsgeschichte des Volkes Israels. Und es sind immer
Stationen zwischen Leben und Tod, zwischen Befreiung und Verfolgung,
zwischen Ebbe und Flut, zwischen Heil und Unheil.
Die alttestamentlichen Lesungen der Osternacht, die Geschichte des
frühen Israels, führt uns zu der Aussage des Juden Simeon:
Gott will das Heil für uns Menschen, dazu gehört aber auf
Erden auch immer die ganze Spanne des Lebens – bis hin zum Moment
der Sprachlosigkeit.
Aber es darf nur dieser „Moment“ Sprachlos bleiben.
Und in diese Spannung hinein dürfen wir bekennen, dass ER der Messias ist.
Genau das müssen wir als Gemeinschaft neu lernen:
Eine bekennende Kirche zu sein.
„Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein – oder er
wird nicht mehr sein!“ – hat Karl Rahner vor vielen Jahren
prophezeiend gesagt.
Die Wechselspannung von Heil und Unheil wird uns immer umgeben! So ist
irdisches Leben!
Und dennoch dürfen wir im Kleinen schon das feiern, was wir einst
im Großen feiern werden: Unser persönliches Ostern.
Das wirkliche Heil, dass uns verheißen ist, werden wir erst im neuen Leben erfahren!
Weil der Messias für uns geboren, gekreuzigt, gestorben und dann in Gottes Herrlichkeit auferstanden ist.
Alle anderen Heilserfahrungen hier auf Erden sind Stationen auf diesem Weg zum ewigen Leben.
Klaus Hemmerle wünscht uns dazu passende „Osteraugen“, die zu sehen vermögen!
Osteraugen, die im Tod zum Leben zu sehen vermögen,
die in der Schuld bis zur Vergebung, in der Trennung bis zur Einheit, zu sehen vermögen.
in den Wunden bis zur Herrlichkeit zu sehen vermögen
im Menschen bis zu Gott und in Gott bis zum Menschen zu sehen vermögen
Er wünscht uns Osteraugen, die im Ich bis zum Du zu sehen vermögen.
Simeon drückte es so aus:
Nun entlässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.
Ein Licht das die Heiden erleuchtet und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
Spüren Sie auch, wie wertvoll unser „Gebetsschatz der Kirche“ ist?
AMEN
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