|
Fastenpredigten in St. Godahard, Hildesheim: Das Benedictus
Predigt von P. Jermias Marseille OSB am 2. Fastensonntag 2010 zu Lk 1,68-79
Liebe Schwestern und Brüder!
Zunächst kommt mir eine persönliche Anmerkung in den Sinn,
dass ich vor 22 Jahren schon einmal zur Fastenpredigt in Hildesheim
eingeladen war. Damals war ich noch nicht lange im Kloster. Heute
– über 20 Jahre danach – kann ich sagen, dass mir das
Gebet der Psalmen und Lobgesänge nicht langweilig geworden ist; im
Gegenteil. Das ist doch eine Erfahrung, die nichts mit mir zu tun hat,
sondern mit dem Phänomen des Stundengebetes als solche; - eine
Erfahrung, die viele viele Menschen teilen.
Die Gebete des alten und neuen Bundes, die Gebete der Kirche, sind
wirklich Gebets-schätze, die sich nicht abnutzen, sondern im
Verlauf der Praxis eigentlich erst ihre Leuchtkraft hervorbringen. Wie
wohltuend ist es, sich hier anlehnen zu können, wenn man selbst
immer weniger zu sagen weiß. Und so wird das Stundengebet, wie
wir es kennen, seit Jahrhunderten, werden die Psalmen seit
Jahrtausenden durchgetragen, und tragen uns Beter durch.
Denn wir Menschen brauchen nicht nur das Gebet, sondern können
darin eigentlich erst wesentlich Menschen sein und werden; wenn unsere
Beziehung zu GOTT einen inneren Ausdruck bekommt, bzw. einen Eindruck
hinterlässt. Der Mensch als Mensch ist ein Beter; in
unterschiedlichsten Weisen, in verschiedensten Religionen und Kulturen.
Das alleine ist doch ein Phänomen!
Heute geht es um den Lobgesang des Zacharias, das sog. Benedictus, das
wir am Ende des Morgenlobes, der Laudes, singen. Es ist gesungene
Heilsgeschichte, ein Danklied, das mit einem Segensspruch beginnt, und
in dem ein wunderbares Geburtslied – eben auf Johannes dem
Täufer – eingebettet ist.
Die Lobgesänge, wie auch der Lobgesang Mariens, das Magnificat,
und der Lobgesang des Simeon, das Nunc Demitis, worüber wir an den
nächsten Sonntagen hören werden, bekommen im Stundengebet
eine Feierlichkeit wie das Evangelium in der Hl. Messe. Zur Vesper
werden während des Lobgesangs sogar der Altar und die Beter mit
Weihrauch inzensiert – gesegnet.
Wenn in den Psalmen die Schattierungen des Lebens von hell bis dunkel,
von dunkel bis hell, jeden Tag neu zum Ausdruck kommen, so bricht im
abschließenden Lobgesang stets das unaufhaltsame Licht der Freude
GOTTES hindurch. Egal, wie wir ins Gebet hinein, bzw. herausgehen, wir
kommen nicht daran vorbei, GOTT in hellen Tönen im
abschließenden Canticum zu loben und zu danken. Das geschieht
mindestens zwei Mal am Tag, beim Morgen- und beim Abendlob; es
geschieht aber ständig, wenn wir auf den Erdkreis schauen.
So erklingt mit ziemlicher Sicherheit gerade in dieser Stunde das
morgendliche Benedictus in Klöstern an der Ostküste
Australiens, in Auckland und auf Neuseeland. Ständig befindet sich
die Erde an irgendeiner Stelle im Gotteslob. Wir dürfen uns
wirklich so eingebunden wissen. Aber nicht nur, dass wir eingebunden
sind in den Reigen des betenden Erdkreises, sondern auch in den
Rhythmus der Natur. Beten ist immer auch Beten im Kosmos und kosmisches
Beten. Liturgie ist immer auch kosmische Liturgie.
Dass sich der Mensch insbesondere morgens und abends zum Gebet sammelt,
hat von alters her auch seinen Grund in der Atmosphäre der Natur,
die dem Gebet gerade in diesen Zeiten sehr zuträglich ist. Sie
werden das alle kennen; und doch ist es gut, sich das immer mal wieder
dankend bewusst werden zu lassen. Erst in den Jahren, in denen ich in
unserem Kloster in Tabgha am See Genesareth in dieser unmittelbaren
schönen Natur gelebt habe, ist es mir wirklich deutlich geworden:
Die Zeitspanne des Sonnenaufgangs, bzw. Sonnenuntergangs, also genau
dann, wenn das Morgenlob, die Laudes, und das Abendlob, die Vesper,
gesungen wird, ist eine ganz besondere. Im Umbruch zwischen Nacht und
Tag und zwischen Tag und Nacht gibt es einen Zeitraum, in dem es
besonders still ist, in der die ganze Natur schweigt, der See wie ein
ruhiger Spiegel daliegt, kein Vogel zwitschert, kein welkes Blatt vom
Baum fällt, kein Tier und kein Wind sich regen; wie die Pause der
Stille zwischen Ausatmen und Einatmen. In dieser und aus dieser Stille
heraus erhebt sich das Lob Gottes im Menschen am ungestörtesten
und am freiesten.
Genau in diese Zeit des anbrechenden Morgens hinein (eine Dimension,
die uns künstlich beleuchteten Städtern beinahe verloren
geht) erklingt das Lob Gottes in den Worten des Zacharias: „Durch
die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das
aufstrahlende Licht aus der Höhe“. (Lk 1, 78)
Ja, Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, hatte wahrlich eine
Nacht hinter sich; eine Nacht – nicht des selbstauferlegten
Schweigens – sondern des von GOTT auferlegten Verstummens, das
ihn in eine Ausweglosigkeit und „Not-wendigen“ Umkehr zog
in ein Bereit- und Offenwerden für absolut Unerwartetes, Neues! ;
- kein Wunder angesichts solchen Wunders.
Ganz gegen die Gewohnheit sollte er im hohen Alter noch Vater werden,
und ganz gegen die Gewohnheit sollte er seinem Sohn nun nicht seinen
eigenen Namen weitergeben dürfen, sondern einen neuen Namen, einen
vom Engel eröffneten Namen – Johannes; „GOTT ist
gnädig“.
All seine Vorstellungen, insbesondere auch seine religiösen
Einsichten des Glaubens und der Zusammenhänge im Leben, hielten
nicht mehr stand, zerbrachen, und gaben den Weg frei in einen neuen
Morgen. Was durch diesen alten, ehrwürdigen, Gottesfrommen
Priester hindurch ging, was er seelisch durch-litten und entbunden
haben mag, seit der Begegnung mit dem Engel im Allerheiligsten des
Tempels, können wir nicht ermessen. Nur eines ist sicher: hier
hatte sich GOTT selbst eine Bahn gebrochen. Und so ist auch ER es,
GOTT, der nach der Öffnung des Mundes und der Lösung der
Zunge zuerst ins Wort kommt: „Gepriesen sei der Herr, der Gott
Israels,…“ (Lk 1, 68)
Im Grunde – und da dürfen wir uns immer wieder neu
einschwingen – ist jeder Morgen ein wirklich „neuer
Morgen“ – „geschenktes Heil“. Wer sagt denn,
dass wir am kommenden Morgen noch leben werden? Für unzählige
Menschen war die letzte Nacht, die „letzte Nacht“; - auch
unverhofft. Im Grunde ist jeder anbrechende Morgen Grund genug zu einem
Lob und Dank an GOTT. Jeder Morgen hat eine Nacht hinter sich, in der
wir nicht wissen, was gewesen und geschehen ist; nur das eine –
sollten einen nicht Albträume geplagt haben –, dass sich die
Seele ermüdet vom gottabgewandten Spuk des Vortages erholen
durfte, und sich ihres Ursprungs neu gewiss wurde. Und so gehen wir
– erfrischt – in den neuen Tag; - wach, Ausschau haltend:
„Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels,…“ (Lk 1,
68) Mal schauen, was Du, Vater, für mich heute bereitet hast. Und
lass mich – in Deinem Namen – darauf neu eingehen
können. Das Benedictus dankt GOTT für den Beginn des Heils.
Welche Stunde ist dafür besser geeignet als die Morgenstunde?!
Der altehrwürdige Priester Zacharias geht aus der Zeit des
auferlegten Verstummens (das waren intensive Exerzitien)nicht nur mit
dem Erkennen seines Sohnes Johannes hervor, sondern auch mit dem
prophetischen Wissen um das Heraufkommen des starken Retters und
Erlösers – JESUS CHRISTUS.
Zacharias erkennt den großen Zusammenhang, dass GOTT Seinen Bund
mit Abraham einlösen wird, unsere Schritte aus der Finsternis ins
Licht führen und frei setzen wird für den Weg des Friedens.
In diesem Erkennen wendet er sich ganz konkret dem Konkreten, seinem
Sohn, Johannes dem Täufer, zu: „Und du, Kind, wirst Prophet
des Höchsten heißen; denn du wirst dem Herrn
vorangehen….“ (Lk 1, 76)
Hier ist Zacharias wirklich ein VATER. Er liebt seinen neugeborenen
Sohn, d.h. er erkennt ihn in seiner von GOTT gegebenen
Größe; und achtet ihn. Zacharias sieht nicht nur einen
Säugling vor sich, sondern eine – ich will es mal so sagen
– eine große Seele in einem kleinen Körper. Welch ein
Respekt, in dem der Sohn aufwachsen und erstarken kann! Wie
großartig ist diese Vaterschaft!
Wie begegnen wir einander, und wie gehen wir mit Kindern um? Wie
können Kinder Achtung und Respekt lernen, wenn sie es an sich
selbst nicht durch uns Erwachsene erfahren? Das heißt nicht, sie
unnatürlich zu verwöhnen, aber sie zu achten als
Geschöpfe GOTTES und ihnen so begegnen und so ihre Seelen
ansprechen!
In der Begegnung mit einem Kind begegnen wir immer auch seinem
Schöpfer. So steht im Zentrum des Dankliedes des Zacharias das
Geburtslied auf seinen Sohn Johannes; aber Johannes selbst ist nicht
das Zentrum der inneren Ausrichtung, sondern GOTT, der durch diesen
aufkommenden Propheten wirkt.
So ist uns im Benedictus eine außerordentlich schöne
Begegnung zwischen einem Vater und einem Sohn vor Augen geführt,
in der wir singend in die Rolle des Vaters schlüpfen und so jeden
Morgen neu den Umgang mit dem Neuen, nicht nur mit dem neugeborenen
Leben, sondern auch mit dem neugeborenen Tag lernen dürfen.
Mit Zacharias und in seinen Worten kann der morgendliche Beter im
großen Zusammenhang des Glaubens auch einen konkreten Menschen,
eine konkrete Lebenssituation, auch sich selbst fokussieren…
„Du, Kind, wirst dem Herrn vorangehen…“ Denn wir
selbst tragen an jedem Morgen eine Vorläufigkeit an uns, wie
Johannes der Täufer, und wissen noch nicht, wie und auf welche
Weise uns am Tage „das aufstrahlende Licht aus der
Höhe“. (Lk 1, 78) besuchen wird – oftmals unerkannt.
Wie auch immer es uns gegeben ist, morgens das Benedictus zu beten, und
uns darin singend einzuschwingen, es ist Ausdruck einer
eröffnenden Kraft für das Unberechenbare des angebrochenen
neuen Tages, und Ausdruck der Gnade, dem Unberechenbaren im Vertrauen
auf GOTTES Gegenwart begegnen zu dürfen; denn – dessen
dürfen wir uns gewiss sein, ob wir es erkennen werden oder nicht:
„das aufstrahlende Licht aus der Höhe (wird uns besuchen)“ (Lk 1, 78);
es wird ein Tag mit GOTT werden; so oder so.
Liebe Schwestern und Brüder!
Das Benedictus ist ein hoffnungsfroher Lobgesang, mit dem wir in den
Tag hinein entlassen werden und der vom Morgen her in uns nachschwingt
…
was kann uns besseres passieren?!
|
|